Während der Saison ist St. Julians einer der lebhaftesten Orte auf Malta. Manche nennen ihn wegen der vielen Diskotheken sogar "Sin City". Jetzt, im April, ist es ruhiger. An die Kaimauer der Spinola Bay klatscht das Mittelmeerwasser. Ich sitze in der zögerlichen Frühlingssonne und schaue den Fischern beim Netzeflicken zu. Wie zwischen die gelben Steinhäuser genagelt, ragt im Hintergrund der Hilton Tower in den Himmel, als Symbol für alle maltesischen Bausünden. Ich warte. Auf einen Lehrer.

Bevor Malta vergangenes Jahr kleinstes Mitglied der Europäischen Union wurde, wusste ich wenig über die Mittelmeerinsel, die südlicher als das nördlichste Afrika liegt und an der fülligsten Stelle 27 Kilometer misst. Gerade mal, dass es dort sonnig und felsig ist, dass es Vogelmord und Linksverkehr gibt und man auf Malta Englisch spricht. Dann kamen die EU-Beitrittsverhandlungen. Und die Welt erfuhr von Malti. Das ist eine nur von den 400000 Maltesern verstandene Kleinsprache mit arabischen Wurzeln, die nach Meinung der Insulaner aber unverzichtbarer Bestandteil maltesischer Identität ist. Die Konsequenzen waren teuer: Malti (anders als das Gälisch der Iren oder das in Luxemburg gesprochene Lëtzenbuergesch) wurde offizielle EU-Sprache. Gut 80000 Seiten Gesetzestexte waren daraufhin zu übersetzen. Und ein Beruf musste erfunden werden, den es in der zweisprachigen Republik noch gar nicht gab: Malti-Dolmetscher und Simultanübersetzer. Vierzig brauchte die EU auf einen Schlag in Brüssel, Straßburg und Luxemburg. Sie suchte vergebens.

Genauso dumm stand ich da, als ich versuchte, einen Sprachkurs in Malti zu finden. Englischkurse werden rund um die Uhr und in jeder Preisklasse angeboten. Aber Maltesischkurse? Wer dennoch Malti lernen will, muss seinen eigenen Weg gehen. Meinen plane ich als eine Art Beutezug. Wörter suchen, schnappen und aufschreiben, merken – einen Lehrer finden. Also sitze ich in der Sonne und warte. Irgendwann kommt immer ein Alter und setzt sich dazu. Und tatsächlich lässt sich nach zehn Minuten Francis neben mir nieder. "Du willst wirklich Malti lernen?", fragt er und staunt. Ich nicke. Er sagt: "Tajjeb!" Tajjeb heißt gut. Schon notiert.

Francis ist 75, sieht aus wie 60. Und er kann mit den Augen blitzen. Jetzt gerade blitzt er. Eine blonde Touristin stolziert an uns vorbei, und Francis kräht ihr hinterher: "Mara sabiha!" Schöne Frau. Er krakelt die Worte in mein Vokabelheft. Ich hatte ihn nach dem wichtigsten Wort auf Maltesisch gefragt. Und dann kann er gar nicht mehr aufhören zu schreiben, weil es ihm so wichtig ist: "The Maltese language is mixed, because many nations occupied Malta."

Ob nun Englisch oder Malti, man versteht nichts vom Land und seiner Sprache ohne die Geschichte. Bis zur Unabhängigkeit im Jahre 1964 kannte die kleine, aber strategisch bedeutsame Insel nur Fremdherrschaft. Phönizier, Römer und Araber setzten sich auf ihr fest. Über Sizilien kamen die Normannen; von Rhodos die Ritter des Johanniterordens, die daraufhin fast drei Jahrhunderte lang vom Plündern arabischer Handelsgaleeren lebten. Napoleon jagte den "Malteserorden" von der Insel und wurde seinerseits von den Engländern vertrieben, die dem Land Linksverkehr und roundabout, gelbe Oldtimerbusse und Schlangestehen vererbten. Und Englisch als Amtssprache. Was aber alle Fremdherrscher verbindet: Sie verewigten sich in der Sprache der Beherrschten. Oder, aus maltesischer Perspektive: Das Volk passte in seine Sprache ein, was es brauchen konnte.

"Schämsch", sagt Francis, deutet auf die umwölkte Sonne und notiert xemx. Arabisch! Normalerweise könne man um diese Jahreszeit schon baden. "Bondschu: Guten Tag!", diktiert er mir noch – französisch. Geschrieben bongu. Meine ersten vier Wörter Malti. "Ein Tipp noch: Fahr mit dem Bus! Wenn du Maltesisch lernen willst, musst du dahin gehen, wo die Leute unter sich sind."

Es ist Sonntag. Heute will ich Bus fahren. Ich bin mittlerweile schon um einiges klüger, weiß, dass es vier Zeitungen auf Malta gibt, pro Sprache zwei. Im Hotelzimmer habe ich mir Dauerwerbesendungen auf Maltesisch angesehen, in denen Mädchen gezeigt werden, die einen Preis gewonnen haben. Lokale Kosmetikerinnen, Friseure, Boutique- und Schmuckladenbesitzer richten sie daraufhin dermaßen zu, dass sie am Ende zwanzig Jahre älter aussehen. Daneben gibt es italienische Programme wie Sand am Meer. Sie sind bei den Kindern so beliebt, dass zum Ärger ihrer Eltern viele besser Italienisch als Englisch sprechen. Meine Essgewohnheiten habe ich den Landessitten angepasst und bestelle morgens eggs and bacon. Das Fernsehen hat meinen Malti-Wortschatz um die Beutestücke compjuter, kollega , kafé und Germanja bereichert.

Mein Bus ist ein wunderschöner ramponierter Nachkriegs-Leyland, laut und zugig. Eine Alte bekreuzigt sich, bevor sie einsteigt. Sie weiß, warum. Der junge Fahrer brettert durch jedes Schlagloch und verlässt sich offenbar ganz auf die Heilige Jungfrau, die gleich mehrfach im Cockpit klebt. Danke heißt grazzi. Mehr Malti lerne ich nicht auf der Fahrt, schon wegen des lärmenden Klapperbusses. Ich repetiere. Mara… wie weiter? Sonne heißt? Immer wieder muss ich nachschlagen. Englisch sei fürs Geschäft, fürs Schriftliche, für die Ausländer, hatte der alte Francis zum Abschied gesagt. "Maltesisch ist die Sprache des Herzens." Mich beschleicht eine Ahnung: So leicht es ist, mit dem Malteser zu kommunizieren – auf Englisch natürlich –, so weit ist der Weg zu seinem Herzen.