Yvonne Hégoburu spricht mit ihren Trauben. Niemals würde die 77-Jährige ihre Reben durch übermäßiges Düngen zur Reifung hetzen oder Gärungsprozesse zugunsten eines Massengeschmacks manipulieren. Folgt man ihren Ausführungen über organische Kreisläufe, der demütigen Verbundenheit zu Boden und Ertrag, scheint ihr Winzerinnentalent vor allem in einer Spiritualität zu liegen, die sie über das geschäftlichen Kalkül der Konkurrenz erhebt. Eine der letzten Berufenen ihrer Zunft, so scheint es, die Wörter wie "Ehrlichkeit", "Liebe" und "Genuss" gleich mehrfach in einem Satz unterbringt, während ihr Hund geräuschvoll auf einem riesigen Stück in Ehren gereiften Käses herumkaut.

Die Witwe Hégoburu aus dem Pyrenäen-Ort Béarn ist eine von vielen Protagonistinnen und Protagonisten in Jonathan Nossiters Frontbericht von der Weinindustrie, von den territorialen und kulturpsychologischen Schlachten um Anbaugebiete, Markenimages, Preise und Prädikate. Der Regisseur, selbst ein diplomierter Sommelier, erweist sich nicht nur als engagierter Verbraucherschützer, der hinter all den Ettiketten eine bloß vorgetäuschte Vielfalt und Exklusivität ausmacht. Nossiter ist einer großen Verschwörung auf der Spur. Einem Komplott, in dem das hoch geschätzte Genuss- und Kulturgut Wein auf ein profitables, aber seelenloses Massenprodukt heruntergewirtschaftet wird.

Kontrolliert wird der Markt von einigen Großproduzenten, während im Hintergrund der weltweit agierende Weiningenieur Michel Rolland eifrig und eitel an den Fäden zieht. Er ist ein ewig lächelnder Geschmacks-Machiavelli und gewohnheitsmäßiger Gewinnler zwischen den Fronten der konkurrierenden Erzeuger. Lässt der Eilige mit fürstlicher Geste sein "Gebt ihm mehr Sauerstoff!!!" ins Handy schallen, stehen die Winzer stramm. Zu Rollands Freunden zählt praktischerweise der einflussreichste unter den Weinkritikern: Robert Parker aus Maryland. Produkte, die seinen Beifall finden, können am nächsten Tag dreimal so teuer verkauft werden. In Mondovino wird viel darüber gestritten, ob Parkers Urteile eine Demokratisierung des elitären Weinhandels anregen oder nur die Diktatur eines Gaumens bekräftigen. Unzweifelhaft scheint, dass seine Vorliebe für tiefrote, alkoholreiche eingängige Weine den Trend zum weltumspannenden Konsensgeschmack forciert.

Mondovino ist eine aufrichtig kulturpessimistische Recherche über die tragischen Effekte eines globalisierten Weinkulturimperialismus. Nur wenige stehen hier noch wie Madame Hégoburu auf der von Nossiter unverholen gefeierten "richtigen" Seite. Kauzige Charaktere wie Battista Columbu auf Sardinien, der einen besonders erlesenen Wein in so kleiner Menge produziert, dass er nur für die besten Freunde und außergewöhnliche Anlässe reicht. Oder der sturbockige Aimé Guibert aus dem Languedoc, der sich als emphatischer Regionalist erfolgreich gegen die Ansiedlungsversuche des amerikanischen Großproduzenten Mondavi stemmte.

Nossiter erspart uns den elitären Fachjargon über Aromen und Abgänge. Den Mythos, dass exklusive Genüsse Produkte komplizierter Geheimlehren sind, bricht er angenehm nüchtern auf Begriffe wie Technik und Geschäftsinteressen einerseits, Erfahrung und Tradition andererseits herunter. Mondovino erzählt von Familienchroniken, Erben und unglücklichen Anschlussversuchen an moderne Zeiten. In seinen besten Momenten erinnert der Dokumentarfilmer an einen Chabrol-Kommissar, der in den Provinzen zwischen Gutshäusern und Dorfplätzen die Idylle auf Lüge und Betrug abklopft. Undurchsichtige Gestalten gibt es genug. Söhne, die die ehrliche Kantigkeit des väterlichen Weins gegen charakterschwache Tropfen tauschen und den Stil und die Würde der Vorfahren an die Sprache übereifriger Betriebswirte verraten.

Nur leider geht Mondovino bei seiner bienenfleißigen Recherche jede erzählerische Leichtigkeit ab. Zu viel hat Nossiter auf dem Zettel, zu viele Erzeuger und Mitmischer gibt es zu besuchen, zu viele Seilschaften und Verflechtungen zu erklären. Unsortiert und aufgelöst wirkt gelegentlich auch die Optik, die Nossiter ebenso wie den Schnitt selbst übernommen hat. Wie eine aufgeregte Gesellschaftsreporterin bahnt sich die Handkamera ihren Weg ins Reich der Weindynastien, schweift über Nippesregale oder hält ausführlich die Blähungen von Parkers Bulldogge fest.

Was bleibt, ist die ungemein informative Reportage eines leidenschaftlichen Aufklärers, der der sich mit allen Kräften gegen den önologischen Mainstream stemmt. Und die Erkenntnis, dass der Siegeszug des Einheitsweins nur durch konsequent individualistisches Kauf- und Trinkverhalten zu stoppen ist. Nieder mit den seelenlosen Gaumenschmeichlern!