Das Gesicht des jungen Mannes auf dem Cover ist nur halb zu sehen. Ein kirschrot geschminkter Mund, weißblonde Haarspitzen, ein von Glitzer-Gel umrahmtes Auge, das herausfordernd den Betrachter fixiert. Phoenixfedern heißt die CD mit Chansons. "Sehr transsexuell", vermutet ein Kollege – und kann es nicht fassen, dass es sich bei dem schrillen Cover-Boy um einen waschechten Wissenschaftler handelt. Gestatten: Jens Förster, Sozialpsychologe an der International University of Bremen, hauptberuflich befasst mit der Untersuchung von Vorurteilen.

Als Chansonnier bietet Förster ein "sehr schrilles Programm voller Tabuverletzungen". Und tatsächlich ist es ein wenig gewöhnungsbedürftig, wenn der Professor, in Flitter oder Pelz gehüllt, mit hellem, deutlich geschultem Tenor Er war gerade 18 Jahr… von Dalida ins Mikro haucht. Doch sosehr Förster, der einst Opernsänger werden wollte, die Verwandlung auf der Bühne genießt – wissenschaftlich will der Vorurteilsforscher davon nichts wissen. "Ich habe immer versucht, beide Bereiche streng zu trennen", sagt er. "Auf keinen Fall will ich als ›singender Professor‹ gehandelt werden."

Mit Festlegungen ist der schillernden Figur jedenfalls schwer beizukommen. Ist er exhibitionistischer Sänger, seriöser Forscher – oder einfach Hausmann? Zu diesem Schluss könnte fast kommen, wer Förster in dessen Bremer Wohnung besucht. Seine mit Gewürzen, Töpfen und Tiegeln wohl ausgestattete Küche, in der er geschäftig mit dem Teegeschirr hantiert, verrät hausfrauliche Umsicht und kochkünstlerische Ambitionen. Doch reinen Hausfrauen gegenüber habe er ein Vorurteil, gesteht der Vorurteilsforscher. "Vermutlich, weil meine Mutter, die ich sehr verehre, immer erfolgreich berufstätig war."

Dass das Gesamtkunstwerk Förster mit seiner Doppelexistenz Irritationen auslöst – daran hat er sich gewöhnt. Schließlich weiß er, dass wir alle mit vorgefassten, vereinfachenden Meinungen leben und oft nicht nur Personen, sondern auch abstrakten Sachverhalten oder Ideen mit emotional gefärbter Einstellung begegnen. Vorurteile seien nicht etwa prinzipiell dumm oder falsch, verteidigt Förster seinen Forschungsgegenstand. Vielmehr könnten solche unbewussten Voreinstellungen in bestimmten Situationen wertvolle, mitunter lebenswichtige Orientierungshilfen geben. "Stellen Sie sich vor, jemand kommt messerschwingend auf Sie zugelaufen. Überlegen Sie da lange, ob Ihr Eindruck, dieser Mensch habe Böses im Sinn, ein Vorurteil ist?" Das Denken in Stereotypen sei erst dann falsch und gefährlich, wenn eine Gruppenvorstellung, etwa über Schwarze, Schwule oder Blondinen, auf eine individuelle Person übertragen werde.

Gibt es also "gute", weil lebenserhaltende Vorurteile – und diskriminierende, die wir schleunigst ablegen sollten? Schön, wenn es so einfach wäre. Denn das mit dem "Ablegen der Vorurteile", das in Sonntagsreden gerne beschworen werde, funktioniere leider nicht. Nicht nur dass jeder Vorurteile hat, er bildet sie auch immer neu. Das hat er an sich selbst erfahren, als er nach dem Studium in Trier und der ersten Stelle in Würzburg 1996 an die Columbia-Universität in New York ging: "Als ich ankam, hatte ich ein positives Vorurteil gegenüber Schwarzen. Sie verkörperten für mich vor allem Musikalität. Nach einem Jahr voller Medienberichte über schwarze Gewalt hatte ich plötzlich negative Assoziationen."

Als Sozialpsychologe verlässt er sich bei solchen Aussagen natürlich nicht nur auf sein Empfinden, sondern auf strenge Testmethoden. Im Implicit Association Test zum Beispiel wird die Reaktionsgeschwindigkeit auf verschiedene Reize gemessen. Versuchspersonen bekommen gleichzeitig ein Bild (etwa das Foto eines Schwarzen) und ein Adjektiv (zum Beispiel "friedlich") präsentiert; dabei sollen sie so schnell wie möglich angeben, ob das Adjektiv positiv oder eher negativ einzustufen ist. Nach einem Jahr in New York brauchte Förster deutlich länger, um solche Adjektive in Zusammenhang mit Schwarzen als positiv einzustufen.

Wer Vorurteile angestrengt unterdrückt, der stärkt sie nur

Mittlerweile kreist seine Arbeit weniger um die Frage, was Vorurteile sind oder wie sie entstehen, sondern eher um den rechten Umgang damit. Kann sich der Einzelne gegen eigene und fremde Stereotype wappnen, oder ist er ihnen hilflos ausgeliefert? Was passiert, wenn man Vorurteile unterdrückt? Solche Themen behandeln drei von der DFG geförderte Projekte, an denen er beteiligt ist und die alle ineinander greifen.