Johannes Paul II. war der polnische Papst. Im selben Sinne "der deutsche Papst" wird Benedikt XVI. nicht werden: Der Katholizismus ist im Lande Luthers und des Dreißigjährigen Krieges keine Nationalkonfession wie in Polen, und Joseph Ratzinger ist in einem Vierteljahrhundert im Vatikan eine römisch-internationale Figur geworden. Benedikt XVI. dürfte eher der europäische Papst werden. Er hat seine erste Ansprache, in der Sixtinischen Kapelle, auf Latein gehalten, in der Muttersprache des Abendlands. Sein Papstname verweist auf den Gründervater des westlichen Mönchtums. Und wer jetzt Ratzingers Denken kennenlernen will und seine Schriften liest, stößt immer auf das Thema Europa, in doppelter Gestalt, als reiche Überlieferung und als Kontinent in der Säkularisierungskrise.

Das letzte Buch, das Benedikt XVI. als Joseph Kardinal Ratzinger gerade veröffentlicht hat, Werte in Zeiten des Umbruchs (im Herder-Verlag), ist "politisch", auch "konservativ" – die Begegnung mit einem authentischen, nicht parteimäßigen, gewissermaßen vorkapitalistischen Konservativismus zählt zu den Haupterlebnissen, die der neue Papst für eine neugierig gewordene Öffentlichkeit bereithält. Es geht um Europa, auf der tagesaktuellen Oberfläche um die Verleugnung des christlichen Erbes im EU-Verfassungsvertrag, eine Schicht tiefer um die Haltlosigkeit einer rein diesseitigen Politik: Ratzinger weiß, dass die Kirche ihren Glauben und ihre Normen einer pluralistischen Gesellschaft nicht aufzwingen darf, er träumt nicht vom Gottesstaat, doch er kämpft für das Christentum als historisch bewährte Instanz der Gewissensbildung, als ein ethisch-kulturelles Gedächtnis, ohne das der Rückfall in die Barbarei droht: nicht obligatorisch, trotzdem unentbehrlich, Bekenntnis zu einer absoluten Wahrheit, zugleich Respekt vor der demokratischen Freiheit – da balanciert man auf einer feinen Linie.

Die kunstvollen Ideenkathedralen der Theologie

Das Europäische, wie Benedikt XVI. es liebt und gefährdet sieht, ist das Miteinander von Vernunft und Glaube – die kunstvollen Ideenkathedralen der Theologie, die strengen und gerade nicht orgiastisch ausufernden Formen des Gottesdienstes (dem Geist der Liturgie hat Ratzinger ein eindringliches Buch gewidmet), ein christliches Ethos, das sich die apokalyptische Revolutionsschwärmerei verbietet (daher der Widerstand gegen die marxistisch inspirierte Befreiungstheologie). Dass Religion und Vernunft zusammengehören, dass sie sich wechselseitig "reinigen" und "heilen" müssen, weil der Glaube sonst fundamentalistisch eng und die Vernunft materialistisch leer wird – das ist ein, vielleicht das Leitmotiv im Denken des neuen Papstes.

Es steckt darin auch eine These zum Dialog der Kulturen: Nicht die rein diesseitige, instrumentelle Rationalität, die sich scheinbar leicht überallhin transplantieren lässt, wird den clash of civilizations verhindern: "Den Kulturen der Welt ist die absolute Profanität, die sich im Abendland herausgebildet hat, zutiefst fremd." Es ist im Gegenteil die christliche Synthese von Glauben und Denken, die Modellcharakter haben könnte – ein Signal auch an die anderen Kulturen und Weltreligionen, dass sie ihr Erbe nicht aufgeben müssen, um in die Welt der Freiheit, der Wissenschaft, des Fortschritts einzutreten.

Bis ganz in die Fundamente dieses typisch katholischen "und" zwischen Glaube und Vernunft ist Ratzinger mit seinem ersten Bestseller vorgedrungen, der Einführung in das Christentum, die 1968 erschienen ist und Dutzende Male wiederaufgelegt wurde, mit Übersetzungen in alle Weltsprachen. Das Buch ist eine Auslegung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, mit allen Wassern des Zweifels und der Aufklärung gewaschen, aber den Ratzingerschen Grundimpuls kann man an einem scheinbar gelehrten, historischen Thema sichtbar machen. Die frühe Kirche hat die biblische Botschaft mit der griechischen Philosophie verschmolzen, sie hat ihr Gottesbild, ihre Dogmen mit den Begriffen von Platon und Aristoteles auszudrücken versucht, sie hat sich "hellenisiert". War das, haben spätere Theologen gefragt, ein Irrweg, ein Verrat an der ursprünglichen Radikalität Jesu und des Gottes Israels?

Eine Vernunft, die zugleich Liebe ist

Ratzingers Antwort lautet: Nein. Der christliche Gott ist "Logos", wie es zu Anfang des Johannes-Evangeliums heißt – Wort, Sinn, Vernunft. Der Logos als Urgrund der Welt, aber nun nicht unpersönlich wie in der antiken Philosophie, sondern Person, eine Vernunft, die zugleich Liebe ist – schöner und klarer lässt sich das Wesen des Christentums, seine Anknüpfung an vorher Gedachtes und der entscheidende Schritt darüber hinaus, kaum fassen. Wenn man sich fragt, warum die Kardinäle Ratzinger als Papst haben wollten, dann könnte wichtiger als alle Kirchenpolitik seine Fähigkeit gewesen sein, den Glauben zu erklären, ihn leuchtend und einleuchtend zu machen.