Viele an Kultur interessierte Menschen hören keine aktuelle Musik, weil sie nicht wissen, welche. Nicht an Offenheit fehlt es ihnen, sondern an Orientierung. Rundfunk und Fernsehen haben ihren Informationsauftrag der Einschaltquote geopfert. Wie also sollen Erwachsene, zumal ältere, die nicht mehr durch die Clubs ziehen, mit neuen Klängen in Berührung kommen?

Hier sei die verblüffende Antwort gegeben. Im Plattenladen!

Jenseits der Mediamärkte gibt es in allen größeren Städten kleine und kleinste Geschäfte, die von ihrer Fachkunde leben. Wir haben einige besucht. Die Auswahl ist subjektiv. Möge sie den Blick darauf lenken, wie konträr zum Prozess der kulturwirtschaftlichen Konzentration Vielfalt und Verfeinerung gedeihen, allen Musikfreunden zur Ermutigung: Wenn sich selbst einzelne Händler der Krise der CD-Branche entziehen, können es die vielen Hörer doch erst recht.

München: Die Tonträgergeneration

Die Münchner Firma Hausmusik ist im vergangenen Sommer umgezogen, in die Waltherstraße. Zur Zeit des größten Wehgeschreis der Musikindustrie hat Eigentümer Wolfgang Petters, 42, gemietete gegen gekaufte Räume eingetauscht. Während der Renovierungsarbeiten, erzählt er, hätten immer wieder Leute in das Eckgeschäft gegenüber dem Südfriedhof hineingeschaut, und es habe sich stets derselbe Dialog entsponnen:
"Was kommt hier denn rein?"
"Plattenladen."
"Ah, CDs."
"Auch. Aber vor allem Schallplatten."
"Wie, gibt’s die noch? So alte?"
"Nein, neue."
"Ach, kann man die verkaufen?"
"Sonst würden wir’s nicht machen."

Petters ist sich bewusst, in einer Nische zu wirtschaften, aber, sagt er, "die Nische ist viel größer, als die Öffentlichkeit annimmt".

Sein Umsatz, der nicht nur aus dem Laden, sondern auch aus Mailorder, Label und Vertrieb anderer Label entsteht, habe in den vergangenen Jahren je um ein Drittel zugelegt. Seine Erfahrung deckt sich nicht mit der allgemeinen Wahrnehmung, die sich von der effektiven PR-Arbeit des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft irremachen lässt.