Rillen der LiebeSeite 5/5
Prinzip ihres Geschäftes ist es, alles zu haben, aber von den Rändern her. Sie führen – was Jazz angeht – das Art Ensemble of Chicago, nicht aber den gesamten Miles Davis. Sie verkaufen den Techno von Kompakt und Thomas Brinkmann, nicht aber Sven Väth. Stockhausen ja, Beethoven nein. »Manche Kunden verwirrt das, weil sie es nicht genau verstehen«, gibt Picicci zu. Aber er hält die radikale Auswahl für entscheidend. »Je omnipräsenter der Mainstream wird, desto stärker wird das Bedürfnis nach anderer Musik. Am Rand findet Bewegung statt, da verwirklichen sich neue Ideen und finden ihre Form.«
So ist Dense ein akustisches Feinkostgeschäft mit besten Verbindungen zu den Erzeugern. Musiker gehen ein und aus. Sei es, um Platten zu holen, oder auch, um sie zu bringen. Manche Neuerscheinung wird vom Künstler persönlich angeliefert. Schneller kann man an neue Musik nicht kommen.
Geschwindigkeit spielt auch eine Rolle bei Hard Wax am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg. Dort, im zweiten Hinterhof im dritten Stock ohne Fahrstuhl, befindet sich einer der größten Umschlagplätze elektronischer Musik in Deutschland. Gewaltige Lautsprecher säumen die Wand, vom groben Betonboden ist der Putz abgeplatzt, urbaner geht es kaum. Gehandelt werden fast ausschließlich Schallplatten, meistens Maxis, und pro Woche kommen 100 neue Titel rein. Sich informieren und kaufen ist eins. Wer nicht zugreift, kann nächste Woche schon Pech haben, und das Zeug ist weg. Nachbestellt wird im Promillebereich. Hard Wax ist ein reißender musikalischer Fluss, aus dem sich das Berliner Clubleben speist. Wenn hier etwas hochgehalten wird, kann es zwei Wochen später der Hit der Nacht in der ganzen Stadt sein. So kommen gute Kunden zweimal in der Woche, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Andererseits gibt es Klassiker, die sich seit 1989 verkaufen, als Mark Ernestus den Laden eröffnete. Damals war er die erste Quelle für House und Techno aus Detroit, Chicago und New York. Mangels E-Mail und Internet musste die Ware anfangs aufs umständlichste herantelefoniert werden, »da kostete die Minute Amerika noch vier Mark«. Inzwischen hat sich das Angebot sehr erweitert, Ernestus, 42, produziert unter dem Namen Rhythm And Sound weltweit gefragten elektronischen Dub, und er spürt, was alle spüren, die engagiert mit Musik zu tun haben: Die Zeit dominierender Stile ist vorbei, es gibt keine per se langweilige Richtung mehr, es gibt in allen Sektoren interessante Ansätze. »Für jedes Subgenre existiert heute ein Publikum von Kanada bis Neuseeland. Das Globale ist das Interesse an lokalen Phänomenen.« Früher seien für ein großes Label 10000 verkaufte Platten ein Flop gewesen, heute seien 1000 Exemplare ohne Marketing viel.
Hamburg: Kilometerlang schwelgen
Beenden wir unseren Streifzug in Hamburg. Hier muss man gar keinen Plattenladen mehr empfehlen. Man spaziert einfach durchs Schanzen- und Karolinenviertel. In der Feldstraße sind drei Läden, im Schulterblatt drei, in der Wohlwillstraße drei, in der Schanzenstraße zwei, in der Marktstraße einer. Und in den Seitenstraßen gibt’s noch welche. Im Umkreis von einem Kilometer existiert möglicherweise die höchste Plattenladendichte Europas. Wer sich hier einen Tag lang umhört, kann in Tonträgern schwelgen. Wer will da noch von Krise sprechen?
- Datum 28.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.04.2005 Nr.18
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