Der Direktor drückt den Schalter. Neonröhren fluten den Raum mit grellem Licht. Eine Million Niedere Tiere werden der Finsternis entrissen. Eingelegt in Alkohol, starren sie die Besucher an: die Krabben Cardisoma carnifex von den Malediven und Cardisoma crassum aus Ecuador. Hier eine Seemaus aus der Antarktis, trotz des Namens zu den Borstenwürmern zählend. Dort ein ellenlanger Onkel unserer Kellerassel, Bathynomus giganteus, 1968 in der Tiefsee gefangen. Auf Hunderten Regalmetern die Beute wissenschaftlicher Feldzüge aus mehr als hundert Jahren.

Lothar Renwrantz, der Geschäftsführende Direktor des Zoologischen Instituts an der Universität Hamburg, führt die Besucher zu seinem persönlichen Liebling, einem Anglerfisch. Das schwarzbraune Weibchen ist einen guten halben Meter hoch wie lang – und nie allein. In der Nähe von After und Geschlechtsöffnung hat sich, keine fünf Zentimeter lang, das Männchen festgebissen. Es ist angewachsen, hat seine Existenz reduziert auf das fortpflanzungstechnische Minimum: zwei Hodensäcke. "Das treueste Wesen im Tierreich", sagt Renwrantz und schließt die Tür aus Stahl sorgsam hinter uns ab.

Die Fischsammlung der Hamburger Zoologen ist schützenswert. Sie genießt weltweit einen herausragenden Ruf. Gleich nebenan lagern Amphibien und Reptilien in ihren Särgen aus Glas. Käfer und Schmetterlinge füllen Tausende flacher Schubladen. Der Keller ist voller Wirbeltiere – ausgestopft oder eingelegt; Geweihe, Schädel, Felle. Von den zehn Millionen Exemplaren der Sammlung sind 10000 mit rotem Klebestreifen markiert. Es sind Typusexemplare. Diese Tiere vor Augen, haben Forscher erstmals eine neue Art beschrieben und das Exemplar dann in eine Sammlung gestellt; wie ein wertvolles Manuskript ins Marbacher Literaturarchiv. Von 10000 Tierarten liegt also das weltweit für die Bestimmung der Spezies maßgebliche Exemplar hier, irgendwo im schmucklosen Siebziger-Jahre-Bau am Martin-Luther-King-Platz in Hamburg-Rotherbaum.

Bedeutung aber garantiert keine Sicherheit. Trotz ihres Wertes geschah der Sammlung kürzlich Unerhörtes. Auf Drängen des Hamburger Senators Jörg Dräger und nach Plänen des Universitätsbauamtes soll die Zoologie noch in diesem Jahr aus dem Stadtzentrum hinaus nach Klein-Flottbek umziehen und sich dort mit der Botanik vereinen. Der Plan ist 30 Jahre alt, die Hektik aber neu. In ihr wurde die wissenschaftliche Sammlung, 5000 Quadratmeter Universität, schlicht vergessen. Am neuen Standort ist dafür kein Platz. Und in den Siebziger-Jahre-Bau ziehen bald die Informatiker ein. Einzig die Schausammlung darf zunächst bleiben. Meldungen, die ausgestopfte, als NDR-Maskottchen bekannt gewordene Walrossdame Antje würde eingemottet, hatten eine Solidaritätswelle ausgelöst. Diese Schau darf weitergehen, der wissenschaftlichen Sammlung aber droht der Container, sollte die Universität nicht bald eine Lösung finden. Im schlimmsten Fall, fürchten die Zoologen, wird sie aufgelöst, zerschlagen, verteilt. Wenn sie denn jemand haben möchte.

Das ist nicht selbstverständlich. Eine Sammlung kostet Platz, Zeit und Geld. Die Hamburger müssen Jahr für Jahr allein 4000 Liter Alkohol nachfüllen, damit Fische, Kröten und Echsen nicht auf dem Trockenen sitzen und zu schimmeln beginnen. Eine Sammlung in eine andere zu integrieren kostet kurzfristig noch mehr. Sich mit Fischen, Alkohol und Personal von Hamburg etwa nach Berlin zu bewegen – kaum vorstellbar in der föderalen Republik.

Warum also die mottenkugelbewehrten, chamoisfarbenen Überbleibsel einer längst gentechnisch überholten Kolonialbiologie nicht gleich wegwerfen? Gen- und Datenbanken anstelle von Glaszylindern und Schubladen? Als Hamburger Behördenvertreter vorschlugen, man könne die Inhalte der Sammlung auf Festplatten packen, waren die Biologen entsetzt. "Da habe ich mich am Stuhl festhalten müssen", sagt Fritz Steininger, Direktor des Senckenberg-Museums in Frankfurt und Sprecher der Sammlungschefs in Deutschland. Ganze Bestände zu digitalisieren und wegzuwerfen hieße, sie für die Forschung wertlos zu machen. "Wenn ich eine Schlange identifizieren will, muss ich die Schuppenreihen rund um den Bauch zählen", sagt der Hamburger Zoologieprofessor Alexander Haas. "Das ist auf einem Foto unmöglich." Wie fern die Idee liegt, die Bestände zu digitalisieren, zeigt der Rückstand bei der digitalen Erfassung alter Bibliotheken. Schon hier, bei zwei Dimensionen, überfordern die Kosten die Betreiber. Tiere aber haben drei Dimensionen.