schiller Um die Muse aufzumuntern

Das Klassische hat seine Glaubwürdigkeit verspielt. Warum es im Jahr 2055 trotzdem eine Schiller-Feier geben sollte

Wer liest heute Schiller? Nicht in der Schule, nicht im Germanistikseminar, sondern aus Begeisterung, aus innerem Antrieb? Welche ästhetischen oder philosophischen Strömungen der Gegenwart befassen sich mit Schillers umfangreichen Schriften über Kunst und Ethik, über Geschichte und Erziehung, Schriften, durch die er zu seiner Zeit und noch im späteren 19. Jahrhundert eine Rolle gespielt hat, die sich mit der von Kant oder Hegel vergleichen lässt? Die offizielle Anerkennung bleibt groß, die biografischen und kritischen Ehrungen in diesem Jahr des Andenkens verschlingen viel Papier. Doch ist Schillers Werk wirksam in der oft düster verwirrten kulturellen Lage Europas? Denkt man an ihn, so wie man an Hölderlin denkt oder Kafka?

Unser armer Schiller lautet der Titel einer jüngst erschienenen Biografie. Unsere Aufgabe heute ist es, herauszufinden, ob wir aufrichtig imstande sind, uns Schiller anzunähern, ob wir etwas über sein Werk sagen können, das sich nicht dem kulturellen »Gerede« (Heideggers verächtliches Wort) in den Medien mehr oder weniger anpasst. Ein großer Dichter oder Denker liest uns. Er prüft, er befragt unsere Rezeptionsfähigkeit. Sind wir bereit, dem denkenden Dichter oder dichtenden Denker entgegenzukommen, mit der Konzentration, mit der Freude am Schwierigen, die ihm gebühren? Es gibt, wie Walter Benjamin wusste, Meisterwerke, die sozusagen im Schlaf liegen, die geheimnisvoll auf ihren Leser warten. Wir haben Eile, nicht die Werke. Wenn wir nicht zusammenkämen, läge das nicht an Schiller. Oder doch?

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Es wäre verwegen, Ihnen etwas Neues über Schiller sagen zu wollen. Vielleicht wäre es das Beste, Ihnen eine Anthologie der Lobsprüche und Kritiken aus der Vergangenheit zu bieten, einen kleinen Kranz großer Stimmen. Schon im Mai 1839 nehmen Schiller-Feiern einen nationalistischen und quasi religiösen Charakter an. Drei festliche Tage galten 1859 dem 100. Geburtstag. Kanonendonner, Glockenläuten . Deutschland war noch nicht vereinigt, aber Wilhelm Raabe berief sich auf Schiller als »Führer und Heiland« der kommenden Nation. Am 21. Juni 1934 marschierten Tausende Hitlerjungen durch Marbach. Zum Geburtstag am 10. November verbreitete der Rundfunk zahlreiche Vorträge und Konzerte. Schon 1932 hatte Hans Fabricius in seinem Buch Schiller als Kampfgenosse Hitlers den Dichter der Wallenstein- Trilogie und des Reiterlieds, des Grafen von Habsburg und der Deutschen Muse zum Fahnenträger des Nationalsozialismus gemacht. Zwischen 1933 und 1945 fanden im Reich 10600 Aufführungen von Schillers Dramen statt (Don Carlos und Wilhelm Tell selbstverständlich ausgenommen).

Diese Allgegenwart verblasst jedoch angesichts der Rolle Schillers in der DDR. Schon 1960 waren drei Millionen Exemplare von Schillers Schriften in den ostdeutschen Buchhandel gelangt. Fast jedes Drama wurde mehrmals für das Fernsehen bearbeitet. 1955 gab es fast tausend Schiller-Inszenierungen auf ostdeutschen Bühnen, und im Jubiläumsjahr 1984 wurde diese Zahl noch überschritten. Kabale und Liebe wurde in der DDR 40mal verlegt. Hatte Engels in seinem berühmten Brief an Minna Kautsky 1885 nicht gerade dieses Werk als das »erste deutsche politische Tendenzdrama« gelobt? Und hatte sich Engels nicht schon 1839 auf Schillers Verständnis der Französischen Revolution berufen? In den Schulen der DDR galt Schiller als vornehmster Klassiker, als Verkörperung nicht nur des poetischen Genies, sondern auch als Fortschrittskämpfer im marxistischen Sinn: »Deutschlands Majestät und Ehre / Ruhet nicht auf dem Haupt seiner Fürsten. / Stürzte auch in Kriegesflammen / Deutschlands Kaiserreich zusammen, / Deutsche Größe bleibt bestehn.« Johannes R. Becher, der Kulturpapst der DDR, gab die Parole aus: »Schiller gehört uns!« Millionen von Schulkindern und Hunderte Parteibonzen folgten seinem Appell.

Für Schiller ist Kunst Religion. Die Kunst stiftet Transzendenz. Nur durch Kunst gibt es für unser Geschlecht eine Annäherung an das Göttliche. In der Kunst entdeckt und erlebt der sterbliche Mensch die einzige authentische Freiheit. Im neunten Brief Über die ästhetische Erziehung des Menschen verkündet Schiller sein Credo: Wenn die Menschheit ihre Würde verloren habe, so habe die Kunst sie gerettet. Ontologisch möge die Kunst Täuschung und Illusion sein, ein »Reich der Träume«, aber gerade in dieser Täuschung lebe die Wahrheit fort, und aus der Mimesis, aus dem ästhetischen Nachbild werde das Urbild wiederhergestellt: »Ehe noch die Wahrheit ihr siegendes Licht in die Tiefen der Herzen sendet, fängt die Dichtungskraft ihre Strahlen auf, und die Gipfel der Menschheit werden glänzen, wenn noch feuchte Nacht in den Tälern liegt.«

Die Kunst ist im absoluten Sinn lehrreich. Das Ästhetische ist die ideale Praxis der Pädagogik. Durch die Kunst wird der Mensch zum ethischen Geschöpf. Kühn lautet Schillers fast antikantianisches Paradox: In ihrer Freiheit ist die Kunst ein Spiel, aber der Mensch ist »nur da ganz Mensch, wo er spielt« (Homo ludens). Für uns Heutige jedoch ist die stolze Unschuld dieser Anschauungen nicht mehr überzeugend. Wir wissen, wie hellsichtig Walter Benjamin war, als er sagte, dass die hohen Werke der Kultur auf einem Fundament von Barbarei und Ungerechtigkeit prunken. Wir wissen, dass sie sogar dem Unmenschlichen als Ornament dienen können. Das zweite Rezeptionshindernis ist Schillers Sprache: diese Göttinnen mit ihren Rosenwangen, diese Pokale, die fortwährenden, den mythologischen Wandmalereien Tiepolos so ähnlichen Apotheosen. Diese »erhobenen Schwingen« und das »Schwärmen« inmitten des »rosenfarbnen Schleiers«. Fast 2000 Jahre beherrschte die antike Rhetorik die Sprachkunst des Westens. Und Schillers Beherrschung aller rhetorischen Finten ist unübertrefflich: »Seht ihr den Regenbogen in der Luft? / Der Himmel öffnet seine goldnen Tore, / Im Chor der Engel steht sie glänzend da, / Sie hält den ewgen Sohn an ihrer Brust, / Die Arme streckt sie lächelnd mir entgegen. / Wie wird mir – Leichte Wolken heben mich – / Der schwere Panzer wird zum Flügelkleide.«

In dieser überschwänglichen Sprachfeier leuchten Homer und Vergil durch, auch Luthers Fassung der Psalmen. Das Problematische ist nur, dass wir heute in einem radikal antirhetorischen Klima leben, dass die »Flügelkleider« der Sprache uns misstrauisch machen. Es ist der Stotterer Woyzeck, dem wir Glauben schenken. Unser Vertrauen gilt jenen Stimmen, die in kurzen, nackten Sätzen sprechen wie bei Kafka oder Beckett oder die uns, so wie Wittgenstein es tut, empfehlen zu schweigen. Meines Erachtens gibt es nur zwei Wege, um Schillers emphatische Rhetorik am Leben zu halten. Im Gegensatz zu Goethe dichtet Schiller für das Ohr. Oft steckt der Sinn im Rhythmus. Schiller muss man laut lesen, genau so, wie es die Rhapsoden des alten Griechenlands taten. Und nach dem Lesen muss man auswendig lernen. Was man liebt, lernt man auswendig. Mein Vater schaute vom Buch auf, als er mir Die Kraniche des Ibykus oder Die Bürgschaft vortrug, ein lebenslanges Geschenk. Ich höre noch seine Stimme.

Und jetzt? Kinder bekommen von ihren Eltern nur ausnahmsweise die Klassiker vorgelesen. Und in der Ausbildung ist die Amnesie, das Vergessen planmäßig geworden. Dies vorausahnend, hat Schiller verkündet: »Die Muse schweigt.« Jedoch, es ist das Mündliche in unserer Kultur, es sind die öffentlichen Vorlesungen der Dichter und musizierende Dichter, die Schiller seine Chance geben sollten. Weil auch für ihn ein Gedicht, im tiefsten Sinn, ein Happening war.

Trotz umfangreicher Kommentare bleibt Schillers Auffassung der condition humaine rätselhaft. »Er war ein wunderlicher großer Mensch«, fand Goethe. »Alle acht Tage war er ein Anderer und ein Vollendeterer.« In Schillers Temperament wie in seinem Begriff des ethischen und historischen Schicksals waltet das Prinzip Hoffnung. An Körner schreibt er am 7. Januar 1788: »Wenn ich nicht Hoffnung in mein Dasein verflechte… so ist es um mich geschehen.« In Schillers Vokabular sind die Worte »Hoffnung« und »Freude« entscheidend. Sein aufklärerisches Programm ist eine Vision des psychologischen und sozialen Fortschritts. Zum Besseren geboren zu sein. Einen Kontrakt mit der Zukunft zu haben. Diesen Schiller haben sich der Marxismus und in verdrehter Manier auch der Faschismus zu Eigen gemacht (man bedenke Adornos erschreckende Randbemerkung zu den »umschlungenen Millionen« im Jubelgesang An die Freude – ein einziges Wort: »Hitler«!).

Aber zugleich und oft im schroffen Gegensatz zu Goethe bezeugt Schiller einen unauslöschbaren Sinn für das Tragische. Im Wallenstein und in der Braut von Messina sind die Fatalität, der tragische Determinismus unentrinnbar. Die »Magie des Politischen« ist auch die Magie der Verdammnis. Mit Aischylos ruft Schiller den Menschen zu: »Gebet acht! / Das ist der Eumeniden Macht!« Dieser Zwiespalt zwischen Hoffnung und Fatalismus erklärt Schillers Unfähigkeit, die Französische Revolution zu denken. Zwar waren die Räuber wie ein Signal der kommenden Krise und wurden bald in Paris gespielt. Aber danach gibt es das rätselhafte Schweigen zwischen 1789 und dem berühmten Brief an Augustenburg im Juli 1793. Als Schiller die Nachricht seines französischen Ehrenbürgertums empfängt, am 3. März 1798, nennt er sie eine Botschaft »aus dem Reich der Toten«. Wie für viele seiner Zeitgenossen waren die Terreur und der Einbruch der französischen Heere in Deutschland eine bittere Enttäuschung für ihn.

Entscheidend war jedoch die immer engere Beziehung zu Goethe. Dieses »fast mythische Ereignis des deutschen Geistes« verwandelt Schillers unsicheren Radikalismus in Abneigung gegen die Revolution. Daher kommt die verwickelte Melancholie und, darf man es sagen, seelische Brutalität des Schlusses im Wilhelm Tell: »Mich faßt ein Grausen, da ich mit dir rede. / Fort! Wandle deine fürchterliche Straße, / Laß rein die Hütte, wo die Unschuld wohnt!« Nur wo sie die »heilige Natur« rächt, ist politische Gewalt noch erlaubt. Schon bei der Premiere war das Weimarer Publikum verstimmt.

Dennoch bleibt Schiller, über seinen Tod hinaus, ein großer Anreger. Schon 1841 arbeitete Dostojewskij an einer Maria Stuart. Und der Don Carlos lag auf seinem Schreibtisch, als er die überwältigendste seiner Parabeln schuf, das Gedicht des Großinquisitors in den Brüdern Karamasow. Nach Freuds Zeugnis entstammte seine frühe, aber paradigmatische Theorie der Triebe Schillers Gedicht Die Weltweisen mit seinen Schlusszeilen über die Macht des Hungers und der Liebe. Gäbe es Brechts episches Theater ohne Schillers Begriff der Bühne als moralische Anstalt oder die Mutter Courage ohne den Wallenstein? Ich wähle diese Beispiele aufs Geratewohl. Die Liste ließe sich hundertfach verlängern. Dank Wilhelm Tell wurde Schiller für längere Zeit zum Schweizer Nationaldichter. In der Recherche bemerkt Proust ironisch, dass Schiller, »le grand allemand«, 1914 durch Schiller, »le grand boche«, ersetzt wird. Aber grand bleibt er.

Doch wie steht es mit uns? Wird es 2055 in Marbach eine Schiller-Feier geben oder, bestenfalls, ein Kolloquium von Hochschulspezialisten? Der Begriff des »Klassischen« ist in der Geschichte der westlichen Kultur verwurzelt. Mit dem Abstieg Europas in die Barbarei des 20. Jahrhunderts hat dieser Begriff seine Glaubwürdigkeit größtenteils verspielt. Vor dem Unmenschlichen erwies sich die humanistische Klassik als machtlos. Weimar wurde zum Vorort von Buchenwald. Das kulturelle Erbe kämpft fast verzweifelt gegen das Utilitaristische und Ephemere der Gegenwart. Wo lernt man noch ernsthaft Lesen und Erinnern im vollen etymologischen Sinn dieser Worte? Jetzt geht es um die Zukunft der deutschen Sprache, um die Heimkehr zu ihrem besseren Selbst. Kann sie, um Karl Kraus zu zitieren, ihren Weg finden zur »unzerstörbaren Stufe der Sprache Schillers«, oder wird der Jargon der Medien, des Pseudoamerikanischen auch im Lande Goethes und Hölderlins siegen? Klassik, Erziehung, Sprache – auf diesen drei Säulen ruht die Dynamik von Schillers fortdauernder Gegenwart. Die Prognosen sind nicht ermutigend.

Verzeihen Sie mir, meine Damen und Herren, wenn ich im unsicheren Zwielicht abschließe. 1938, als die Nazis Wien übernahmen, meldete sich der 72 Jahre alte Sammler Max Berger beim Amt für jüdische Auswanderung. Er brachte als Lösegeld einen wertvollen Schiller-Brief. Man nahm den Brief, und danach erschlug man den alten Herrn. Die ontologischen und formalen Verstrickungen in diesem Begebnis bin ich nicht imstande zu durchdenken. Ich weiß nur, dass das Große immer gefährlich ist, dass es uns immer prüft. Aber was wäre das Fortleben des menschlichen Geistes ohne solche Gefahr?

George Steiner, geboren 1929 in Paris, emigrierte 1940 mit seiner aus Wien stammenden jüdischen Familie nach New York. Er lehrte Vergleichende Literaturwissenschaft in Genf und Cambridge. Seit 1994 ist er Professor in Oxford. Zuletzt erschien im Hanser Verlag »Der Meister und seine Schüler«

Rede zur Eröffnung der Marbacher Sonderausstellung zu Schillers Leben und Werk, gehalten am 23. April. Gekürzte Fassung

 
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