DIE ZEIT: Herr Döhmel, vor zehn Jahren, am 30. April 1995, besetzten Aktivisten von Greenpeace den ausgedienten Öllagertank Brent Spar, den Shell – ex und hopp – im Atlantik versenken wollte. Über Shell brach anschließend eine Welle des Protests herein. Wie hat der Ölmulti die Ereignisse von 1995 verdaut?

Kurt Döhmel: Sie waren für uns ein Weckruf.

ZEIT: Ein Kulturschock?

Döhmel: Shell war damals ein technokratisches, ein introvertiertes Unternehmen. Wir hatten zwar die Umwelt im Blick, aber viel zu wenig Austausch mit der Außenwelt. Das reichte nicht aus.

ZEIT: Obwohl der Plan, die Brent Spar zu versenken, nicht gegen Recht und Gesetz verstieß?

Döhmel: Nicht nur das. Wir hatten sogar Greenpeace als Gutachter in unsere Planungen einbezogen. Wir haben aber grundlegende Fehler in der Kommunikation gemacht.

ZEIT: Welche?

Döhmel: Wir hatten die mögliche Wahrnehmung der Öffentlichkeit in unseren Überlegungen einfach vergessen. Wir hatten verkannt, dass sich Menschen allein mit Fakten nicht überzeugen lassen. Deshalb fehlte unserem Vorhaben die Akzeptanz…

ZEIT: …mit der Folge, dass Autofahrer Shell-Tankstellen boykottierten und Politiker, ja selbst Geistliche, ihr Unternehmen beschimpften…

Döhmel: …was wirklich eine schmerzliche Erfahrung war.

ZEIT: Zumal die von Shell geplante Versenkung vielleicht doch die bessere Lösung gewesen wäre. Hat Sie das nicht geärgert?

Döhmel: Nein. Ich habe mich damals vor allem über uns selbst geärgert. Unsere internen Kommunikationsstrukturen waren eine Katastrophe. Alles war nach nationalen Einheiten organisiert. In der Zeit zwischen der Besetzung und der Entscheidung, Brent Spar nicht zu versenken, lag ein Zeitraum von rund zehn Wochen. Als Landeschef in Österreich saß ich damals in Talkshows und hatte nicht die Informationen, die ich gerne gehabt hätte. Hier haben wir uns grundlegend gewandelt. Unsere internen Strukturen sind heute ganz anders, ebenso unser Dialog mit gesellschaftlichen Gruppen. Heute pflegen wir mit Greenpeace und anderen Nichtregierungsorganisationen einen regelmäßigen Gedankenaustausch.

ZEIT: Das klingt fast so, als säße demnächst einer der Regenbogenkämpfer bei Ihnen im Aufsichtsrat.

Döhmel: Ausgeschlossen ist das nicht. Ich halte den permanenten Dialog allerdings für effizienter. Ein Beispiel: Erst neulich hat ein führender Shell-Repräsentant den Gastvortrag auf einer zentralen Greenpeace-Veranstaltung in London gehalten.