was ist weiblich? »Was sucht denn das Fräulein da?«

Frauen sind rar in der deutschen Sicherheitspolitik. Das ändert sich gerade

Großer Bahnhof in Berlin für die mächtigste Frau der Welt: Die US-Botschaft hat zum Treffen mit Condoleezza Rice geladen, früher Nationale Sicherheitsberaterin, jetzt Außenministerin der Supermacht. Die wartenden Gäste plaudern. Ein Professor aus jener Generation, die für sich die Massenproduktion von Feministen beansprucht, dreht sich zu der Journalistin neben ihm: »Sicherheitspolitik? Wie sind Sie als Frau denn dazu gekommen?« Er klingt eher befremdet als wissbegierig. Aber Recht hat der Mann: In Deutschland sind Frauen, die sich mit den harten Fragen von Krieg und Frieden befassen, ziemlich selten.

Im internationalen Vergleich fällt der hiesige Männerclub besonders auf. Rice ist nach Madeleine Albright Amerikas zweite Außenamtschefin, in Schweden amtiert schon die fünfte. EU und Nato kommen bisher auf 24. In Paris weist Michèle Alliot-Marie den Generälen mit kühlem Lächeln die Marschrichtung; Kristin Krohn Devold in Oslo galt gar als mögliche Nato-Generalsekretärin. In London leitet mit Eliza Manningham Buller bereits zum zweiten Mal eine Frau den Inlandsspionagedienst MI5. Ihre Vorgängerin Stella Rimington stand Modell für die Auslandsspionagechefin »M«, die in den jüngsten James-Bond-Filmen selbst 007 strammstehen lässt.

Anzeige

Frauen dienen heute in allen Nato-Streitkräften: 15,4 Prozent bei den Amerikanern, 12,8 bei den Franzosen, 8,8 bei den Briten (Deutschland: rund 6). Sie arbeiten sich hartnäckig nach oben – in den USA gibt es schon Dreisternegeneralinnen – auch in Macho-Bastionen wie Bombergeschwadern, U-Booten und Kampftruppen. In Universitäten und Denkfabriken herrscht kein Mangel an kompetenten, selbstbewussten Expertinnen.

Und in Deutschland? Außenministerinnen, Verteidigungsministerinnen, Geheimdienstchefinnen: 0. Das Auswärtige Amt hat mit der Grünen Kerstin Müller eine Parlamentarische Staatssekretärin; ansonsten zählt es derzeit »vier oder fünf« Frauen auf Referatsleiterebene oder höher in Posten mit sicherheitspolitischem Bezug. Schlüsseljobs (Staatssekretär, Politischer Direktor, Nato-Referatsleiter) sind in Männerhand. Im Verteidigungsministerium haben Frauen zivile Leitungspositionen, aber keine führt ein Kernressort wie den Planungsstab. In Fraktionen und Parteien beschäftigt sich nur eine Hand voll Frauen mit Sicherheitspolitik; immerhin leitet die SPD-Abgeordnete Ulrike Merten seit kurzem den Verteidigungsausschuss. Die ranghöchsten Frauen in Bundeswehr-Uniform sind vier Oberstärztinnen (von 1376 weiblichen Sanitätsoffizieren). Fachkonferenzen werden oft eröffnet mit den Worten: »Guten Tag, Frau X. Guten Tag, meine Herren!«

War stories können natürlich auch die ausländischen Expertinnen erzählen: vom Reden vor einem Publikum, das feixt, bevor das erste Wort gefallen ist; vom Ausschluss aus Seilschaften oder von der auf dem Weg in die Führungsetagen immer dünner werdenden Luft. Doch diese Frauen haben ein Netzwerk, das Jobbörsen und Konferenzen organisiert, in dem die Älteren Erfahrungen an die Jüngeren weitergeben: Women in International Security, 1987 von der US-Nuklearexpertin Catherine Kelleher gegründet. Mit weltweit 11 Sektionen und 1200 Mitgliedern aus 35 Staaten firmiert das Netzwerk unter seinem Kürzel WIIS – der Anklang an wise, weise, ist beabsichtigt. Ja, selbst Männer sind dabei.

Ein Deutschland-Besuch muss den ausländischen Kolleginnen da vorkommen wie eine Zeitreise. Condoleezza Rice’ Miene überfliegt nur eine Andeutung von Heiterkeit, als ein anderer Gast der Berliner Runde sie mit »Mister Secretary« anredet. Eine anerkannte Kennerin europäischer Militärpolitik mailt hingegen genervt aus Washington: »Ich bin es leid, dass deutsche Männer mir sagen, wie niedlich ich bin, wenn ich über strategische Verlegekapazitäten oder Terrorismusbekämpfung rede!«

Service