DIE ZEIT: Wenn jemand im Vorstellungsgespräch vor Ihnen sitzt – mit welchem Satz bringt sich der Kandidat um alle Chancen?

Wendelin Wiedeking: Wenn er mir sagt, dass er Golfspieler sei, und dabei auf sein einstelliges Handicap verweist.

ZEIT: Warum reagieren Sie da so heftig?

Wiedeking: Ich bin der Meinung, dass Arbeit und Freizeit in Einklang zu bringen sind. Offensichtlich schaffen es einige, zumindest nach außen hin, den Eindruck zu erwecken, als arbeiteten sie fast rund um die Uhr, gleichzeitig sind sie Spitzengolfspieler. Also, wie das zusammengeht, habe ich noch nie verstanden.

ZEIT: Welches Handicap haben Sie?

Wiedeking: Gar keins, ich spiele nicht.

ZEIT: Nie eine Runde gemacht?

Wiedeking: Mit meinem Aufsichtsratsvorsitzenden bin ich zwei Mal über den Platz gelaufen. Danach behauptete er, ich sei ein Naturtalent. Er sei, so sagte er jedenfalls, beeindruckt davon, wie ich zuschlagen könne.

ZEIT: Ein Kompliment…

Wiedeking: …kein Kompliment. Wie kann man jemanden ein Naturtalent nennen, der die Bälle so weit wegdonnert, dass sie niemand wiederfinden kann? Nein, für Golf habe ich keine Zeit. Die wenige Zeit, die ich tatsächlich nach der Arbeit habe, möchte ich mehr in meinem privaten Umfeld verbringen. Überlegen Sie mal, ich komme am Samstag nach Hause und sage als Erstes: Tschüs, jetzt gehe ich für vier Stunden auf den Platz. Unmöglich.

ZEIT: Porsche-Mitarbeiter sollten also nicht Golf spielen. Dürfen sie denn Urlaub nehmen – oder ist Ihnen das auch suspekt?

Wiedeking: Nein, nein. Und es kann auch jeder am Wochenende Golf spielen, wenn er will. Ich bestärke meine Mitarbeiter, dass sie ihren Urlaub nehmen. Ich halte das für ganz wichtig, die Batterie wieder aufzuladen, ich selber mache das auch. Ich halte nichts davon, wenn ein Manager meint, es müssten am Wochenende Seminare stattfinden, das ist völlig überzogen. Die Woche ist, wenn man hart arbeitet, anstrengend genug, da muss das Wochenende auch dazu geeignet sein, dass man relaxt. Es ist auch gegenüber der Familie eine Zumutung.

ZEIT: Womit kann Sie denn ein künftiger Porsche-Mitarbeiter beeindrucken?

Wiedeking: Ich halte viel davon, wenn auch im Beruf eine gewisse Langfristigkeit entsteht. Deshalb habe ich übrigens, obwohl ich kein Fußballfreak bin, auch bedauert, dass Felix Magath nach kurzer Zeit von Stuttgart weiter zum FC Bayern gezogen ist. Ich mag nicht, wenn sich ein Bewerber bei uns gleich nach der nächsten und übernächsten Position erkundigt. Mit solchen Leuten wird man nie zufrieden sein. Wer gut ist, fällt automatisch auf. Stets den übernächsten Schritt zu planen, das zeugt von einer inneren Unruhe, die ich nicht mag. Unruhige Menschen können sich nicht halten, sie bringen auch nicht den Mehrwert. Der Mehrwert kommt nur durch die Erfahrung in einem Job zustande.

ZEIT: Interessiert es Sie, ob jemand zu einem Vorstellungsgespräch bei Porsche mit der Straßenbahn anreist?

Wiedeking: Das ist Nebensache.

Das Gespräch findet im Büro von Wendelin Wiedeking in der Porsche-Zentrale in Stuttgart-Zuffenhausen statt. Erster Eindruck: Dieses Büro ist zu klein für den Mann. Schreibtisch, Sitzecke. Höchstens zwanzig Quadratmeter. Automodelle, Rennwagen stehen auf einem Regal, auf dem Boden vor dem Schreibtisch; Blechspielzeug, zum Beispiel ein paar kleine Eisenbahnzüge, ziert eine Vitrine. An der Wand hängen Wechselrahmen mit Daten aus dem Controlling, Stückzahlkurven, die aktuelle Fehlerquote bei der Produktion.

Zweiter Eindruck: Dieses kleine Büro passt zu dem Mann. Auch sein Anzug, grau, Nadelstreifen, wirkt ein wenig zu eng. Kann es sein, dass Wendelin Wiedeking gern ausstrahlt, im Grunde sei alles für ihn eine Nummer zu klein?

Draußen, vor dem Fenster, sieht man das denkmalgeschützte ziegelbraune Fertigungsgebäude. Wiedeking wirkt eher still im Gespräch. Von seinem Platz aus blickt er direkt auf ein Bild neben der Tür, es zeigt Ferdinand Porsche, den legendären Firmenchef zusammen mit seinem Sohn Ferry. Als Ferry Porsche 1998 starb, hat Wiedeking die Trauerrede auf dem Firmengelände gehalten. Das sei ihm sehr nahe gegangen. Die Rede begann ohne Anrede, ohne Begrüßung der Trauergemeinde. Der erste Satz lautete: »Es gibt Leben, die Spuren hinterlassen wie Reifen im feinen Sand.«

ZEIT: Muss man Autos mögen, wenn man bei Ihnen arbeitet?

Wiedeking: Von einer gewissen Position an sollte man auch eine gewisse Distanz zum Auto entwickeln können. Wenn mein Pressechef zum Beispiel mitten in seinem Arbeitszimmer den Motorblock eines Carrera aufstellen ließe, müsste dies eher eine allzu geringe Distanz signalisieren. Aber das macht der nicht; der pflegt seine Distanz.

ZEIT: Als Sie 1992 Ihr Amt antraten, wurden gerade mal 14400 Wagen verkauft, Porsche galt als Sanierungsfall. Heute: eine Umsatzrendite von gut 17 Prozent, 80000 verkaufte Autos im Jahr – warum also nicht im Büro einen Motor anbeten? Der Erfolg ist doch unheimlich?

Wiedeking: Was heißt unheimlich? Es ist das Ergebnis harter Arbeit einer hoch motivierten Mannschaft und nicht etwa nur einer aufgesetzten Markenstrategie. Vor Jahren schon haben wir etwa zum Thema Subventionen eine klare Position bezogen. Wir haben sogar auf 50 Millionen Euro an Subventionen für unser Werk in Leipzig verzichtet. Was die anderen natürlich, meine Kollegen, ziemlich unter Druck gebracht hat. Dennoch sitzen sie weiter vor den Töpfen …

ZEIT: …offenbar erfasst Sie gerade ein heiliger Zorn?

Wiedeking: Ja. In Europa gehören Subventionen für die Autoindustrie abgestellt. Warum muss eine reiche, im Wettbewerb stehende Branche subventioniert werden? Ein Jaguar-Werk, das vor Jahren subventioniert wurde, steht jetzt zur Disposition, soll möglicherweise geschlossen werden. Das muss man sich mal vorstellen. Das zahlt alles die Gemeinschaft, in diesem Fall der britische Steuerzahler.