Interview »Geiz ist eine Todsünde«Seite 8/8

Wiedeking: Das ist für mich nicht redlich. Vollbeschäftigung wird es in der Zeit, die ich überblicke, nicht geben.

ZEIT: Und wer Vollbeschäftigung fordert …

Wiedeking: …der weiß noch nicht, was die Glocken geläutet haben. Und der soll sich nur mal in den neuen EU-Ländern umsehen oder in China. Die Leute, die da so herumtönen, sind noch nie aus ihrem kleinen Bahnhof herausgekommen, das ist ja unser Problem. Wenn weiter die Botschaft gilt, die Billiglohnländer können machen, was sie wollen – wir haben ja freie Handelszonen –, dann wird uns das irgendwann um die Ohren fliegen.

ZEIT: Es heißt, in China begegnen die Europäer ihrer eigenen Vergangenheit, der Zeit des 19. Jahrhunderts.

Wiedeking: In China sind die Menschen sehr lernfähig und lernwillig, sodass sie all das, wofür wir manchmal Jahrzehnte gebraucht haben, sehr schnell übernehmen. Damit springen sie in das heutige System hinein, sind damit direkt im Wettbewerb, und zwar in einer Art und Weise, wie wir uns das nie vorgestellt haben. Amerikanische Firmen haben den Chinesen vor Jahren beigebracht, wie man Kühlschränke baut. Was haben die Chinesen gemacht? Sie haben unter einem anderen Namen die gleichen Geräte produziert, zum Schaden der ursprünglichen Hersteller. Nebenbei bemerkt, heute sind diese chinesischen Hersteller bereits Marktführer in den USA.

ZEIT: Müssen wir Angst haben vor einem Land, das seinen Arbeitern 30 Cent in der Stunde bezahlt?

Wiedeking: Angst wäre falsch. Wir müssen akzeptieren, dass es dort eine Volkswirtschaft gibt, die ein ganz anderes Lohngefüge und damit niedrigere Kosten hat. Wichtig ist, dass eine Fairness im internationalen Warenaustausch gewährleistet ist.

ZEIT: Wird es also nötig sein, den Sozialstaat Deutschland zu verschlanken?

Wiedeking: Sie fordern mich jetzt auf, die Arbeitgeber-Mütze aufzusetzen: Natürlich wünsche ich mir ein gewisses Maß an Kosten- und Lohndisziplin. Aber was heißt denn das? Selbst wenn ich meinen Mitarbeitern die Löhne halbieren würde, sind die noch immer weit von denen entfernt, die heute in Shanghai bezahlt werden. Also kann das doch nicht der Weg sein. Unsere Gewerkschaften müssen ein höheres Maß an Flexibilität akzeptieren, wir müssen die Betriebsmittel besser nutzen können, wir müssen möglicherweise liebgewonnene Sonderbelohnungen wieder auf das normale Maß zurückführen.

ZEIT: Wiederholt haben Sie von verloren gegangenen Werten gesprochen, wie gewinnt man diese Werte zurück?

Wiedeking: Das geht mit Vorbildern. Das geht auch mit Regeln. Der Mensch braucht Spielregeln. Sie können Monopoly nicht spielen ohne Regeln. Darum landet beim Monopoly auch ein ansonsten erfolgreicher Unternehmer plötzlich im Gefängnis und kriegt keine Mieteinnahmen mehr.

ZEIT: Monopoly bleibt trotz der Regeln ein gefährliches Spiel.

Wiedeking: Ja. Wobei ich das Spiel meist gewinne.

ZEIT: Mit wem spielen Sie?

Wiedeking: Mit meiner Familie und mit Freunden.

ZEIT: Ihre Taktik? Kaufen Sie als Erstes die Schlossallee?

Wiedeking: Die Schlossallee nimmt Ihnen am Anfang ziemlich viel Geld aus der Kasse. Ich fahre erst mal die kleineren, preiswerteren Straßen ab. Elisenstraße, Berliner Straße, da haben Sie schon mal eine gute Miete. Da finanziert sich die Schlossallee hinterher von allein.

Das Gespräch führten Hanns-Bruno Kammertöns und Stephan Lebert

 
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