Fussball Plötzlich schon Meister

Bayern ist Meister, Magath auch. Doch was kommt jetzt? Während alle auf das Pokalfinale warten, muss der Trainer weiterdenken

Wer ist Schuld an Bayerns Meisterschaft? Klaus Augenthaler, ehemaliger Bayern-Libero und jetziger Trainer von Bayer Leverkusen, ist sich jedenfalls sicher, einen gewissen Anteil an der Meisterschaft seines alten Vereins zu haben und liebäugelte mit "ein paar Weißbier und ein paar Weißwürsten als Dank für unsere Unterstützung." Recht hat er. Denn seine Mannschaft sorgte dafür, dass die Münchner schon drei Spieltage vor Ende der 42. Bundesligasaison zum 19. Mal die (unechte) Meisterschale freudetrunken herumreichen durften. Nach einem 1:3 Rückstand schaffte Leverkusen noch ein 3:3 Auf Schalke, während zeitgleich die Bayern in Kaiserslautern gewannen.

Die Art und Weise, wie der Meister in der Pfalz auftrat, relativierte allerdings den Verdienst Augenthalers. Nur ein Aufschub der Meisterfeier wäre es gewesen, hätte Konkurrent Schalke seinen Vorsprung bis zum Sieg verwalten können. An dem 4:0-Sieg auf dem Betzenberg gab es indes nichts zu rütteln. Zwar stand weder Oliver Kahn im Tor, noch durften Mehmet Scholl, Bastian Schweinsteiger und Sebastian Deisler das Mittelfeld von Anfang an in ein Kreativzentrum verwandeln. Dennoch hatte der Gastgeber aus dem Niemandsland der Tabelle bereits keine Chance mehr, als Trainer Magath Mitte der zweiten Hälfte das Trio spielen ließ. Bis dahin hatte Michael Ballack die Führung erzielt, die Roy Makaay im Laufe der Partie ausbaute.

Sicher gab es auch in dieser Saison schon Bayern-Führungen, die ergebnissichernd ohne großen Aufwand und mit wenig spielerischem Glanz verwaltet worden waren. Doch nicht bei jedem Spiel gaben die Zwischenstände auf den anderen Plätzen via Großbildleinwand zusätzlichen Ansporn. Die Führung des FC Schalke direkt auf der Anzeigertafel vor Augen und die nicht nur bei bajuwarischen Meisterfeiern obligatorische Weißbierdusche im Hinterkopf, entwickelte sich die Partie zu einer klaren Angelegenheit.

Als in Gelsenkirchen abgepfiffen wurde und das Unentschieden noch immer Bestand hatte, zogen die Bayern-Spieler flugs das präparierte Meisterschafts-T-Shirt über und schnappten sich die wie von Geisterhand gefüllten Drei-Liter-Kannen mit bayerisch Gebrautem. Für Diskussionen, ob diese Bayern-Mannschaft in Zukunft auch international Titel gewinnen kann, wer dafür bleiben soll, wer gehen muss und welchen Stellenwert die Meisterschaft hat, war kein Platz im Fritz-Walter-Stadion. Einen Bierregen ließ sich bei Temperaturen um 30 Grad kaum einer entgehen. Einzig war den Beteiligten anzumerken, wer in Sachen Titel-Feiern noch unerfahren ist und wer sich schon öfters eine Gerstensaft-Haarkur gegönnt hat.

Für Mehmet Scholl war es der siebte Titel, durch den er jetzt zusammen mit Klaus Augenthaler alleiniger Rekordhalter in der Bundesliga ist. Eine Selbstverständlichkeit also, dass er mit dem Riesen-Seidel umzugehen wusste. Felix Magath, der genau wie Lucio Titel-Premiere feierte, kam beim Umgang mit den Bräuchen weniger souverän daher. Wie sollte er sich denn nun eigentlich freuen, woher die Emotionen nehmen, die etliche Jahre Bundesligaalltag ihm geraubt zu haben scheinen? Er umarmte die Spieler und versprach, entgegen seinem asketischen Lebensstil, statt Pfefferminztee die Getränkekarte im Münchner Gasthof "Seehaus" durchzuprobieren, wo bis in die Morgenstunden gefeiert wurde.

Mutig gönnte er seiner Elf drei freie Tage und unterstrich damit den besonderen Stellenwert dieses Tages. Vom Aufstiegstrainer beim 1. FC Nürnberg, über den VfB Stuttgart, den er zu einer deutschen Spitzenmannschaft etablierte, ist er nun vollends in München angekommen und zum Meistertrainer gereift. Doch trotz Meisterschaft die Zügel schleifen zu lassen, gilt nicht in Magaths Regeln, schließlich steht noch das Pokalfinale gegen den FC Schalke 04 und damit eine weiterer möglicher Titel an. Aber selbst beim Gewinn des "Doubles" sind diese Leistungen für einen Bayern-Trainer nur Momentaufnahmen, wenn auch ein stämmiger Schritt in die richtige Richtung. Deutscher Meister und Pokalsieger sind schon viele Trainer mit dem FC Bayern München geworden - trotz des Druckes der diese vielen Erfolge auf neue Übungsleiter auslöst.

Irgendwann muss sich ein Trainer an der Säbener Straße dann doch an mehr messen lassen, als an nationalen Erfolgen. Vielleicht kann der so sachliche Magath auch deshalb nicht vollkommen entspannen, weil er sich eben doch schon damit beschäftigen muss, wie die neue Saison noch erfolgreicher gestaltet werden kann. Wer kommt denn nun und wer muss gehen, damit er selbst noch ganz lange bleiben darf?

 
  • Serie cvd
  • Quelle (c) ZEIT.de, 2.5.2005
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service