Eine solch negative Wahlkampagne hat Großbritannien niemals zuvor erlebt. Die letzte Welle giftiger Attacken auf Charakter und Integrität Tony Blairs rollt über das Land. Überall prangen Plakate der Konservativen mit einer klaren Botschaft: „Wischt das Grinsen von Tony Blairs Gesicht“, straft den Premier für seine Lügen. Das versucht Michael Howard, Chef der Tories, der Nation unaufhörlich einzuhämmern. Seine Partei wird die verbleibenden Tage bis zum 5. Mai nutzen, die Parlamentswahl in ein Referendum über den Regierungschef zu verwandeln. Die Wahlkampfmanger der Tories sehen darin die einzige Chance, doch noch einen unerwarteten Durchbruch zu erzielen. Deshalb scheut Michael Howard nicht davor zurück, Blair öffentlich als „Lügner“ zu bezeichnen. Das Kalkül ist klar: Wenn der Labour-Premier, wie Howard unterstellt, Volk und Parlament absichtsvoll hinters Licht führte vor dem Waffengang gegen den Irak, dann darf ihm die Nation nichts mehr abnehmen, weder seine Leistungsbilanz von acht Regierungsjahren, schon gar nicht seine Versprechen auf eine bessere Zukunft. Die Briten, so Howard im Originalton, haben von Blair nichts anderes zu erwarten als „fünf weitere Jahre selbstgefälligen Grinsens, fünf weitere Jahre des Versagens, fünf weitere Jahre leeren Geredes“.

Trotzdem wäre alles andere als ein Laboursieg eine Sensation. Es sei denn, das Wahlvolk hätte sich im Stillen entschlossen, den Meinungsforschern die größte Blamage in der Geschichte demokratischer Wahlen zuzufügen. Die Umfragen, die täglich in der Presse erscheinen, sehen Labour mit ca. 39 Prozent vorne. Unter den Bedingungen des britischen Mehrheitswahlrechtes würde das zu einer parlamentarischen Mehrheit reichen. Die Konservativen stagnieren bei rund 35 Prozent, während die Liberaldemokraten, die ewig hoffende dritte Kraft der britischen Politik, derzeit bei rund 22 Prozent liegen. Sie treten als die „anständige Partei“ an, rühmen sich ihres klaren Neins zum Irakkrieg, distanzieren sich von den bösartigen Reden der Tories auf Blair und dürfen wohl mit mehr Sitzen im Unterhaus rechnen.

Doch da ist der unbekannte Faktor der Wahlbeteiligung, der vor allem Labour frösteln lässt. Die Konservativen führen, zählt man nur diejenigen, die auf jeden Fall wählen wollen. Das Meinungsforschungsinsitut MORI verzeichnet hier 39 Prozent für die Tories, 34 Prozent für Labour und 21 Prozent für die Liberaldemokraten. Alles hängt davon ab, ob sich Labours Anhang in genügender Zahl mobilisieren lässt. Doch unter den Anhängern der Regierungspartei herrscht oft nur grummelnde Indifferenz; die Begeisterung für die eigene Regierung hält sich in Grenzen. Der Irakkrieg spielt da mit hinein. Nichts muss Tony Blair mehr fürchten als regnerisches Wetter am kommenden Donnerstag. Je niedriger die Wahlbeteiligung, desto besser die Aussichten für die Opposition. Die konservativen Wähler sind hochmotiviert. Blair ist für sie ein rotes Tuch. Er war es, der die Tories, die sich als Großbritanniens „natürliche Regierungspartei“ verstanden, ausmanövrierte und aus der politischen Mitte verdrängte.

Umso überraschender, dass Michael Howard sich zu einer Kampagne entschloss, die seine Partei nicht ins politische Zentrum zurückführt. Howard verschrieb sich mit Haut und Haaren den Rezepten des australischen Wahlgurus Lynton Crosby. Der hatte den Konservativen in Australien mit einer ähnlichen Strategie zu vier Siegen verholfen. Systematisch schüren die Tories Ängste, vor „Überflutung“ durch Immigranten und Asylanten, vor Zigeunern, die sich über Gesetz und Recht hinwegsetzen, vor wachsender Kriminalität und vor Hospitälern, die mit tödlichen Superviren verseucht seien. Der rechtsgestrickte Populismus gefällt dem harten Kern der eigenen Anhänger; doch die liberalen Mittelschichten, die Tony Blair den Irakkrieg nicht verzeihen können, werden zwangsläufig abgestoßen und in die Arme der Liberaldemokraten getrieben.

Tony Blair fiel es in diesem Wahlkampf schwer, die eigenen Trümpfe auszuspielen. Großbritannien, einst als kranker Mann Europas verschrien, ist unter ihm und seinem Schatzkanzler und Rivalen Gordon Brown fast zum europäischen Musterland geworden. Die Wirtschaft floriert, die Arbeitsloigkeit fiel auf den niedrigsten Stand seit 40 Jahren, die heftigen Ausschläge von Boom and Bust , die noch die Thatcherjahre prägten, konnten vermieden werden. Gesundheitswesen und Schulen sind zwar nicht perfekt, aber haben sich dank massiver Finanzspritzen des Staates verbessert. New Labour entpuppte sich als Typus einer „Markt Sozialdemokratie“. Wachstum und unternehmerische Dynamik werden gefördert, um Mittel für den Ausbau des reformierten Sozialstaates zu gewinnen und dem klassischen sozialdemokratischen Ziel größerer Chancengleichheit näher zu kommen. Als „Thatcher mit lächelndem Antlitz“ wurde Tony Blair von linken Kritikern bespöttelt, sein Dritter Weg galt als verkappter neoliberaler Aufguss. Doch ist Großbritannien in acht Labourjahren laut OECD nicht nur um zehn Prozent reicher geworden. Niemals wurde von einer Labourregierung so viel umverteilt. Das Institut für fiskale Studien, Gralshüter statistischer Integrität, stellte kürzlich fest, die Einkommen der unteren 40 Prozent seien deutlich gestiegen, die der oberen 40 Prozent gesunken. Die größten Gewinner der Blairära sind die untersten 20 Prozent. Ihr Einkommen wuchs um rund zehn Prozent, das der oberen 20 Prozent fiel um sechs Prozent. Gezielt hat die Regierung die working poor gefördert. Einer Familie mit Kind wird, wenn ein Elternteil arbeitet, durch „Steuerkredite“ ein wöchentliches Mindesteinkommen von 350 Euro garantiert. „Armutsfallen“ wurden beseitigt durch die Senkung des Eingangssteuersatzes auf zehn Prozent, ein Mindeststundenlohn von 8 Euro wurde eingeführt. Insgeamt 1,9 Millionen Rentner und 1,3 Millionen Kinder wurden aus der Armut herausgeholt. Die Balance von Rechten und Pflichten ist fester Bestandteil des Arsenals von New Labour. Eine gewisse Härte, tough love , war immer zugegen. Der Staat hilft, aber er verlangt eine Gegenleistung. Wer ein Angebot zur Arbeit oder Ausbildung ausschlägt, muss finanzielle Einbußen hinnehmen.

Ohne den Irakkrieg, der die zweite Amtszeit von Blair überschattete, wäre angesichts des Erreichten der Ausgang dieser Wahl klar. So aber kann Blair nur hoffen, dass am Ende die wirtschaftliche und soziale Bilanz ihm doch zu einer klaren Mehrheit verhilft. Sicher ist das nicht. Niemals zuvor herrschte vor einer Wahl in Großbritannien eine solche eigentümliche Stimmungslage, in der Apathie, Zynismus und Feindseligkeit gegenüber Politikern zusammenfließen. Die Taktik der Tories, Tony Blair als „Lügner“ abzustempeln, wird den antipolitischen Trend verstärken. Nachdenkliche Torypolitiker halten nicht nur die Wahlkampfstrategie ihres Parteichefs für zweifelhaft, weil sie offenkundig nicht einmal einen positiven Effekt für die Partei erzielt. Sie fürchten, demokratische Politik selbst könnte nachhaltig beschädigt werden.