Wie anders stünde Tony Blair angesichts der herannahenden Wahl da, wäre er nicht in den Irakkrieg gezogen. Seine Partei würde bewundernd aufblicken zu dem Premier, der ihr einen dritten historischen Wahlsieg garantiert. Das linksliberale Milieu und seine Medien, von der BBC bis zum Guardian , hätten ihn die vergangenen Jahre nicht mit tiefer Abneigung, ja offenem Hass verfolgt. Von Brüssel bis Berlin würde Blair als proeuropäischer Visionär gepriesen, der sich als erster britischer Regierungschef klar für Europa und gegen die Sonderbeziehung zu Amerika bekannt hätte.

Selbst wenn eine Niederlage am 5. Mai unwahrscheinlich ist: eine deutlich reduzierte Labourmehrheit käme einer persönlichen Niederlage gleich. Blairs Autorität wäre angeschlagen, er würde, seinen innerparteilichen Rivalen Gordon Brown im Nacken, nur noch eine zeitlang als lahme duck weiterregieren. Der Karriere eines Politikers, der ausgezogen war, die europäische Sozialdemokratie zu erneuern, droht ein wenig rühmliches Ende. Binnen zwei Jahren ist der Brite vom gefeierten Strahlemann zu einem Politiker mutiert, den man zu Hause wie im Ausland als Lügner abstempelt und dessen Abgang von der politischen Bühne Genugtuung und Schadenfreude auslösen wird.

Doch ist der schwere Vorwurf der Lüge gerechtfertigt? Vier Untersuchungen haben dafür keinen Beweis zu Tage gefördert. Gewiss trafen die geheimdienstlichen Erkenntnisse über irakische Massenvernichtungswaffen nicht zu, mit denen Blair den Waffengang begründete. Auch hat er die Informationen der Dienste im bestmöglichen Licht präsentiert. Doch gingen alle Regierungen, auch die in Paris, Moskau und Berlin, von der Existenz dieser Waffen aus, genau wie die Inspektoren der UN. Das eigentliche Rätsel bleibt ungelöst: Warum hatte Saddam Hussein bis zum Ende die ganze Welt im Glauben gelassen, über ein einsatzbereites Arsenal von B- und C-Waffen zu verfügen?

2003 war der Status Quo, der auf Eindämmung des Regimes zielte, unhaltbar geworden; die Sanktionen der UN bröckelten, sie trafen ohnehin nur das irakische Volk, während Saddam Hussein sich mit Hilfe korrupter Offizieller der UN und französischer wie rusischer Politiker unbemerkt eine milliardenschwere Kriegskasse durchs Oil for Food -Programm zulegte. Sein Regime war laut Befund der Irak Survey Group , die mit leeren Händen aus dem Irak zurückgekehrt war, „noch gefährlicher, als man vor dem Krieg angenommen hatte“. Programme für Massenvernichtungswaffen lagen startbereit in der Schublade; die Infrastruktur des Wissens hatte der Diktator bewahren können.

Was die Legalität des Krieges betrifft: Internationales Recht ist nicht in Stein gemeißelt, sondern es entwickelt sich. Der Disput der Juristen, der nun im britischen Wahlkampf durch gezielte Lecks und die Publizierung diverser Expertisen des Generalstaatsanwaltes hochkochte, wird nicht zu einem allseits akzeptierten Schluss kommen. Letztlich müssen Regierungen und Parlamente entscheiden - wie vor der Intervention im Kosovo, die nicht von der UN abgesegnet war.

Blair bleibt überzeugt, dass sich vor der Geschichte seine Entscheidung für den Regimewechsel im Irak als richtig erweisen wird. Die Kontroverse über den Krieg kann nicht von seinem Ergebnis getrennt werden. Die Lage im Irak bleibt schwierig, doch das Land befindet sich langsam auf dem Weg nach vorne. Erst demokratische Wahlen, nun eine Regierung, in der die Schiiten der Versuchung widerstanden, Sunniten und Kurden zu überspielen. In der gesamten Region, von Afghanistan über Libanon bis Lybien, mehren sich die positiven Indizien; selbst die Chance auf eine Lösung des vertrackten Konfliktes zwischen Israel und Palästina haben sich verbessert. Das Regime in Bagdad war ein Sponsor des Suizidterrors gegen Israel. Seine Existenz war indirekt ein Rückhalt auch für die syrische Baathisten Diktatur. Der Sturz von Saddam Hussein scheint tatsächlich die Selbstblockade der arabischen Welt mit ihren repressiven, ökonomisch hoffnungslosen Regimen aufzubrechen und demokratische Regungen zu fördern. Als Premier dürfte Tony Blair wohl nicht mehr die Genugtuung erfahren, als weitsichtiger Politiker gefeiert zu werden. Dafür ist die Debatte über den Irakkrieg in der kurzatmigen, hektische Mediendemokratie zu vergiftet; Information ist zugleich politisiert und emotionalisiert. Die Historiker allerdings könnten dereinst zu einem freundlicheren Urteil gelangen.