Der Nationale Ethikrat wird sich in den kommenden Monaten mit so genannten Chimären-Experimenten deutscher Forscher beschäftigen. Ein genauer Termin stehe aber noch nicht fest, weil sich der Rat zunächst am 23. Juni neu konstituieren müsse, sagte dessen Vorsitzender, Spiros Simitis, am Montag. Mit dem aus der griechischen Mythologie stammenden Begriff Chimäre werden künstlich zusammengesetzte Organismen mit Zellen von zwei Individuen bezeichnet, speziell geht es um Mischwesen aus Mensch und Tier.

In der Diskussion stehen vor allem Versuche, bei denen Menschenzellen in Gehirne von Tieren gespritzt wurden. Bislang sind in Deutschland mindestens zwei Versuche genehmigt, menschliche embryonale Stammzellen oder daraus gezüchtete Zellen in Tiergehirne einzupflanzen.

Bei der konstituierenden Sitzung werde über das kommende Programm des Rates geredet, sagte Simitis. Er werde vorschlagen, dass Thema Chimären-Forschung in das Programm aufzunehmen. Angesichts der Wichtigkeit des Themas hätte eine öffentliche Diskussion stattfinden müssen, "bevor wir überhaupt reingehen in die Forschung. Sonst hinken wir hinterher", sagte Simitis.

In den Vereinigten Staaten hatte die Nationale Akademie der Wissenschaften (NAS) Tierexperimente mit menschlichen Stammzellen Ende April generell befürwortet. Die Akademie lehnte jedoch alle Experimente ab, die menschliche Stammzellen in die Geschlechtsorgane oder das Hirn von Tieren integrieren würden. Im ersten Fall bestände theoretisch die Gefahr, dass sich Tiere mit menschlichen Eizellen und menschlichem Samen miteinander fortpflanzen könnten. Im anderen Fall sei nicht ganz auszuschließen, dass sich der Geist eines Menschen in einem Tier entwickeln könnte, vor allem dann, wenn die embryonalen Stammzellen in Menschenaffen verpflanzt würden. Die NAS wirft der Regierung in Washington vor, in Sachen Stammzellenforschung bisher keine klare Linie verfolgt zu haben.

Der Spiegel berichtet in seiner neuesten Ausgabe über Experimente, bei denen Wissenschaftler menschliche Stammzellen in Gehirne von Affen gespritzt hatten. Nach dem Bericht haben unter anderem Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen embryonale Stammzellen in das Gehirn der Primaten gespritzt. Ein Teil der menschlichen Zellen habe sich dabei zu Nervenzellen entwickelt. Doch die Wissenschaftler schließen aus, dass sich das Affengehirn dadurch dem des Menschen angenähert haben könnte. Die Affen hätten das Experiment nicht überlebt. Auch der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle hat die Genehmigung aus menschlichen embryonalen Stammzellen gewonnene Zellen in das Gehirn von Tieren, in dem Fall von Nagern, zu spritzen.

Erste Meldungen über Mensch-Tier-Chimären waren im Jahr 2001 aus China gekommen. Dort hatten Wissenschaftler aus Kanton Zellkerne eines siebenjährigen Jungen in Kanincheneier transplantiert. Zwei Jahre später berichteten Wissenschaftler in der chinesischen Zeitschrift Cell Research, diese Chimären seien zu vielzelligen Blastozysten herangereift, denen sie Stammzellen entnahmen.

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