Nun hat alle Welt wochenlang wie gebannt auf Sankt Peter geschaut. Auf jenes Bauwerk, das die Kirchenspaltung und den Niedergang des Katholizismus bezeugte und, so hat es der Kunsthistoriker Horst Bredekamp eindrucksvoll dargestellt, zugleich zum Symbol der Gegenreformation wurde. Die Entstehung der Reformation aus der Empörung über Sankt Peter, über die Ablassgelder, mit denen das Kunstwerk finanziert wurde: das war vor fünfhundert Jahren. Ein Bauwerk als Medium, ein Medienereignis ohne Beispiel zugleich, die Informationen und Gerüchte bewegten die ganze christliche Welt.

Es bedurfte eines Mediengenies wie Martin Luther, der sich den Buchdruck zunutze machte, es bedurfte eines Jean Calvin, um die alleinige Wahrheit der katholischen Kirche in den Plural zu setzen: Seither sind mehrere Wahrheiten in der christlichen Welt. Und seither war auch der Beginn jener neuzeitlichen Geschichte in Sicht, die dem Individuum Meinungsfreiheit gegenüber Kirche und Staat zusagte. Je länger diese Geschichte voranschritt, desto mehr wurde sie eine der Frauen, die sich aus der Herrschaft der Kirche emanzipierten, längst konfessionsübergreifend, und das Gleichheitsversprechen der Moderne für sich selbst entdeckten. Bis viele von ihnen gleich genug waren, um dem Papst in Rom ziemlich gleichgültig gegenüberzustehen.

Nun ist der alte Medienkatholizismus neu über das Mutterland der Reformation gekommen, seit Wochen schon wallen die leuchtenden Gewänder der alten ehrwürdigen Herren in Rom über die besten Sendeplätze, die vorderen Seiten der Zeitungen. Und das staatliche Fernsehen ist in der ersten Reihe dabei, als müsse das mit jener Naturnotwendigkeit geschehen, die den Sommer auf den Frühling folgen lässt und den Herbst auf den Sommer. Nicht mit Ablassgeldern bezahlt der Fernsehzuschauer heute den Glanz der katholischen Kirche, sondern in der zeitgenössischen Währung: der Zeit, der Aufmerksamkeit.

Was ist los in Martin Luthers Provinz? Über Nacht scheint sie in Kardinalsrot getaucht zu sein. Als könne jener Heilige Vater den Schutz garantieren, den der gebrechliche Vater Staat nicht mehr zu gewähren vermag, will sich das Land ein Bild vom neuen Familienoberhaupt machen. Aber was hat der alte Herr in Rom den Abermillionen moderner Frauen zu bieten? Wahrscheinlich wenig. Auch deshalb hat sich hierzulande in den letzten Wochen kaum eine Frau öffentlich zu Wort gemeldet.

Zwar geben jene polnische Feministinnen zu denken, die vom Leben und Tod Karol Wojty¬as ergriffen sind und trotzdem am Recht auf weibliche Selbstbestimmung festhalten. Das ist Polen. Doch der Papst als Familienoberhaupt kommt für die meisten modernen Frauen kaum in Betracht. Il papa? Ach was, la mamma, aufgerieben zwischen Beruf und Familie. Trost braucht sie wohl. Aber nun hat sie stattdessen mit einer Verblüffung zu tun, die ihr erst mal die Sprache verschlug.

Eben noch las sie den Nachtschlaf der Kinder mit Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf herbei, und schon reibt sie sich am Morgen die Augen, weil die Sendung mit der Maus aus dem Vormittagsprogramm verschwunden ist, zugunsten der vierstündigen Live-Übertragung der Amtseinführung von Benedikt XVI. auf drei staatlichen Sendern zugleich. Eben noch war sie mit der Frage befasst, wie sich der Angriff islamistischer Fundamentalisten auf die liberale Freiheit der Frauen im Westen abwehren ließe, da soll sie sich für eine Riege mächtiger Herren interessieren, die ein eigenes privates Leben mit einer geliebten Frau ebenso abwegig finden wie das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung. Und die verkürzt auf Fragen der Verhütung und Abtreibung, als sei dies allein das Zentrum weiblichen Lebens. Eine Herrenmannschaft, die der Weltfrauenkonferenz in Peking, Seite an Seite mit den Ajatollahs, eine Absage erteilte.