Die Kapitalismuskritik von SPD-Chef Franz Müntefering findet bei den Wählern großen Anklang, bringt den Sozialdemokraten aber keine Stimmen. Laut dem am Freitag veröffentlichten ZDF-Politbarometer hat die SPD sowohl in der politischen Stimmung als auch bei der "Sonntagsfrage" an Boden verloren. Der Auftritt von Außenminister Joschka Fischer (Grüne) im Visa-Untersuchungsausschuss tat seinem Ansehen ebenfalls nicht gut. Der über Jahre populärste Politiker Deutschlands stürzte in der Rangliste der zehn beliebtesten Politiker auf Platz sechs.

Wäre an diesem Sonntag Bundestagswahl, käme die SPD auf 30 Prozent (minus 1 Punkt), teilte das ZDF mit. In der politischen Stimmung - sie berücksichtigt aktuelle Themen - käme die SPD auf 28 Prozent und verlöre sogar 3 Punkte im Vergleich zum Politbarometer vor zwei Wochen. Die Grünen konnten sich laut Politbarometer dagegen trotz der Visa-Affäre um Außenminister Fischer stabilisieren.

In der politischen Stimmung kletterten sie um 1 Punkt auf 10 Prozent, in der "Sonntagsfrage" zur Wählerstimmung - bei ihr kommen langfristige Überlegungen der Wähler zum Tragen - lagen sie unverändert bei 9 Prozent. Die Union legte sowohl in der politischen Stimmung als auch bei der "Sonntagsfrage" um jeweils 1 Punkt zu. Sie käme auf 44 beziehungsweise 48 Prozent. Die FDP kommt sowohl bei der politischen Stimmung als auch bei der "Sonntagsfrage" auf 6 Prozent. Schwarz-Gelb hätte damit eine klare Mehrheit im Bundestag.

Dominierend bei der schlechten Bewertung der SPD sei die aus Sicht der Befragten geringe Kompetenz der Bundesregierung in den Bereichen Wirtschaft und Arbeit. 59 Prozent glauben, die Regierung mache ihre Arbeit schlecht. Nur 26 Prozent sind jedoch der Meinung, dass eine CDU/CSU-geführte Bundesregierung es besser machen würde.

Münteferings Kapitalismus-Kritik findet große Zustimmung in der Bevölkerung. So teilen laut Umfrage 74 Prozent der Menschen die Meinung, dass zahlreiche Unternehmer Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, obwohl sie in Deutschland hohe Gewinne machen. Nur 23 Prozent der Menschen glaubten, dies seien Einzelfälle. Diese Auffassung sei bei Anhängern aller Parteien annähernd gleichermaßen zu finden.

73 Prozent der Menschen sind laut einer Umfrage des Ipsos- Instituts im Auftrag der "Financial Times Deutschland" (Freitag) überdies der Meinung, dass die meisten Unternehmen mehr von der Gesellschaft nehmen als sie ihr geben. 74 Prozent der 1000 Befragten vertraten die Ansicht, die Wirtschaft habe mehr Einfluss auf die Verhältnisse in Deutschland als die Politik. 78 Prozent unterstützen die Aussage, für die Unternehmen seien Menschen nur noch ein Kostenfaktor wie Maschinen.

Der beliebteste Politiker Deutschlands ist laut der Befragung durch die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen nach wie vor Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), wobei sich weiterhin zwei von fünf Befragten kein Urteil über ihn zutrauen. Auf einer Skala von plus 5 bis minus 5 erreicht Wulff 1,3. Das sind 0,2 Punkte mehr als vor zwei Wochen. Auf den Plätzen folgen Innenminister Otto Schily (SPD), Kanzler Gerhard Schröder (SPD), CDU-Chefin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) mit jeweils 0,2. (Die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen befragte laut ZDF vom 26. bis 28. April 1285 Wahlberechtigte. Die Fehlertoleranz liegt bei den großen Parteien bei 2,7, bei den kleinen bei 1,4 Punkten.