MONTAGSKOLUMNE Der Müntefering in uns

Kritik ist gut, verändern ist besser: Eine leere Kapitalismusdebatte bedient nur die Vorurteile der Menschen, nicht aber ihre wahren - und berechtigten - Bedürfnisse

Nun haben wir also die Kapitalismus-Debatte - wie früher die Debatte um die Leitkultur, den Historiker-Streit, die Goldhagen-Debatte. Aber welche Aufklärung verschafft uns diese Debatte, wie wird sie unser Handeln verändern?

Nichts gegen eine solide Kapitalismus-Kritik! Alles und jeder muss sich kritisieren lassen, auch jede Institution - die Politik, die Parteien, die Kirchen, die Gewerkschaften, die Schulen, die Verbraucher, die Wähler. Warum also nicht auch die Wirtschaft, die Unternehmer? Wenn nur nicht das pauschalisierende Wörtlein "die" immerzu dazu verleiten würde, eben das nicht zu tun, was nach der präzisen Bedeutung des Begriffs Wesen jeder Kritik wäre - nämlich zu unterscheiden (von griech. <em>krinein</em>), zu unterscheiden also zwischen diesen und jenen, zwischen solchen und solchen... Genau genommen besteht zwischen dem Begriff "Kritik" und dem Gebrauch des pauschalen "die" ein diametraler Gegensatz.

Wer freilich < unter scheidet - und erst derjenige -, ist dann auch in der Lage zu ent scheiden. Das aber ist das nahezu Lächerliche und gewiss auch Gefährliche an der gegenwärtig taktisch angeheizten Kapitalismus-"Debatte" (oder -"Kritik") [denn im Ernst handelt es sich weder um eine seriöse Debatte, noch um eine differenzierende Kritik]: dass sie mangels präziser Unterscheidungen zu keinerlei treffsicheren und wirksamen Entscheidungen führen kann.

Geradezu jämmerlich deutlich wird dies an den wiederholten Einlassungen von Franz Müntefering, der die ganze Aktion erst losgetreten hatte. Noch in keinem Interview vermochte er auch nur anzudeuten, welche konkreten Handlungsimperative aus seiner "Kritik" folgen könnten. Weder vermochte er zu sagen, wie er sich als Unternehmer im Einzelnen anderes verhalten würde in den offenen Märkten, noch vermochte er zu skizzieren, was er als Politiker in der Gesetzgebung denn nun ändern wolle. Ich habe ja nichts gegen eine verschärfte Kritik am Kapitalismus (im Gegenteil), wenn der Schärfe der Kritik ebenso scharfe konkrete Maßnahme beigefügt werden, von denen nach menschlichem Ermessen und empirisch plausiblen Annahmen gesagt werden kann, dass sie die Lage der einzelnen Bürger und des Gemeinwesens tatsächlich verbessern würden. Aber einfach Feindbilder und Vorurteile zu bedienen, ohne den Menschen, die man auf diese Weise propagandistisch für sich gewinnen will, auch konkret helfen zu können - das ist der politischen Verantwortung nicht angemessen. Insofern liegt eine, wenn nicht tiefe, so doch im Ergebnis gerechte Weisheit in dem demoskopischen Befund, dass die Leute sagen, Müntefering habe zwar "irgendwie" recht, dass sie ihm aber deshalb keineswegs vermehrt ihre Stimme geben wollen. Man kann eben nicht bei Hartz IV die nüchterne Vernunft und gleichzeitig in der Kapitalismus-Polemik den rauschhaften Populismus propagieren.

Lang, lang ist's her, da hatte der weiland Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble seinen Unionsfreund Edmund Stoiber, der war damals noch nicht Ministerpräsident gewesen, in der Zuwanderungsdebatte gewarnt, man solle Probleme, für die es ohnedies keine einfache Lösung gibt, nicht auch noch unnötig populistisch hochspülen. Viel Erfolg hatte Schäuble damals nicht eben. Aber der SPD fehlt heute sogar ein Schäuble.

Im Übrigen: Wenn also alles am Kapitalismus als solchem liegen soll - weshalb geht es dann in Dänemark und Österreich so viel besser als bei uns? Haben unsere Nachbarn keinen Kapitalismus? Oder sind dort einfach die Politiker klüger und reformfreudiger? Im Export, also dort, wo unsere Volkswirtschaft sich dem Wettbewerb ziemlich ungebremst stellen muss, da sind wir Deutschen immer noch Klasse. Unser Problem liegt zuhause, in der Binnenwirtschaft, in der überbordenden Bürokratie, der erstarrten Flexibilität, dem überständigen Besitzstandsdenken, in dem Wunsch auch der Verbraucher, billigen Spargel essen zu wollen, ohne die dafür niedrigen Löhne zu akzeptieren (oder umgekehrt: hohe Löhne zu fordern, ohne die daraus abzuleitenden Preise bezahlen zu wollen). Vielleicht liegt unsere relative Misere eben nicht (nur) am Kapitalismus, sondern auch an unserer Politik - und an uns selbst. Also auch an Franz Müntefering. Und an dem Müntefering in jedem (na, wir wollten ja differenzieren), in manchem von uns.

 
  • Serie cvd
  • Quelle (c) ZEIT.de
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service