Man kann es als ein Rätsel betrachten, dass eine Gesellschaft, die zu den reichsten Industrienationen der Welt zählt, die Existenz depravierter Stadtviertel duldet, in denen Kinder unter Bedingungen heranwachsen, die den in Siedlungen der Dritten Welt herrschenden immer ähnlicher werden. Man kann es als ein noch größeres Rätsel betrachten, dass nicht wenigstens ein Drittel des – sagen wir – hauptstädtischen Establishments, das sich bei der südostasiatischen Flutkatastrophe in schöner Großzügigkeit zeigte, hin und wieder auf die Idee kommt, einen 5000-Euro-Scheck an die Arche in Berlin-Hellersdorf zu überweisen, ein Projekt, in dem von Verwahrlosung heimgesuchte Kinder rudimentäre Versorgung erhalten, warme Mahlzeiten, Kontakt, Berührung et cetera. Das allergrößte Rätsel aber kann man darin sehen, dass ein Hellersdorfer Arbeitsloser, dem – sagen wir – von einem karitativ gerührten Wohlhabenden ein 5000-Euro-Scheck geschenkt würde, damit vermutlich nichts Gescheiteres anzufangen wüsste, als aus einem Katalog für Unterhaltungselektronik eine Großbildleinwand zu bestellen, vielleicht noch eine Webcam, ein paar Handys, und sich dabei gleich noch schnell mit 1.200 Euro verschuldete. Die Schulden geben der Familie dann den Rest.

Der Schnäppchenjäger bei C&A gleicht der Wirtschaftselite

So schön oder – sagen wir – klassenkämpferisch wohltuend es wäre, diese Rätsel zu lösen, indem man sie moralisch gegeneinander ausspielt, so unterkomplex ist der Begriff von Armut und Reichtum, der sich daraus ergibt und zwangsläufig in personalisierenden Zorn auf die Reichen mündet. Auf die Essers, die Ackermanns, die Ron Sommers: 11 Millionen Euro Abfindung für, nun ja, berufliches Scheitern. Hat der SPD-Vorsitzende nicht vollkommen Recht mit der Verdammung einer Wirtschaftselite, deren Beziehung zur Polis sich in der Tat nicht von der Beziehung eines Schnäppchenjägers zu C&A unterscheidet?

Und hat also nicht das Buch vollkommen Recht, in dem Müntefering am Wochenende vor seiner Gardinenpredigt gelesen haben könnte? Briefe an den Reichtum, herausgegeben vom Publizisten Carl Amery. Der Titel ist wörtlich zu verstehen. Publizisten, Wissenschaftler, Philosophen schreiben öffentliche Briefe an die Besitzer jenes Reichtums, an dem kein anderes Motiv haftet als die Dynamik der Vermehrung, der nicht mehr ins Gemeinwesen zurückfließt, beispielsweise in Stiftungen, wie Oskar Negt es in seinem Brief an Heinrich v. Pierer vorschlägt. Reichtum also, in dem sich eine Form der Verwahrlosung ausdrückt: die Entmoralisierung des Materiellen.

Natürlich sind die Rechnungen, die hier aufgemacht werden, durchweg erschlagend. Lieber Oliver Kahn, schreibt der Fußballfan Rupert Neudeck, Sie verdienen bei Bayern München im Jahr fünf Millionen Euro, das erscheint, auch wenn man die gigantische Anstrengung Ihres Berufes konzediert, doch als recht viel Geld. Es erscheint als noch mehr Geld, wenn man es in Relation setzt zu den 45.000 Euro, die eine Schule, den 40.000 Euro, die eine Tischlerwerkstatt, den 50.000 Euro, die eine Wasserleitung plus Pumpe, den 65.000 Euro, die eine Solaranlage für das im Westen Afghanistans gelegene Dorf Siad Kamarak kosten würden. Summa summarum ein halbes Monatsgehalt von Oliver Kahn, der, gäbe er es her, "die Bewohner des Ortes Siad Kamarak stolz und glücklich machen könnte".

Nun ist ja nichts dagegen einzuwenden, denen, die mehr Geld haben, als sie je im Leben verjuxen können, einmal ordentlich den Marsch zu blasen. Es ist auch nichts einzuwenden gegen ein Buch, das sich als gewollt parteilicher, plastischer und drastischer Beitrag zur Kapitalismuskritik versteht, wie er aktueller kaum sein könnte. Aber es dient der Kritik nur bedingt. Es berührt nicht ihren komplizierten Kern: die Tatsache, dass die Entbindung des Materiellen von jedwedem moralischen Sinn und Zweck als Verwahrlosungsphänomen Reiche und Arme betrifft.

Einfach gesagt: Der Hellersdorfer, der einen Fernseher besitzt und zum Media Markt rennt, weil es dort den superbilligsten Fernseher aller Zeiten geben soll, und die Arbeitslosen, die auch zum Media Markt rennen, leben weiß Gott anders als die Geliebte von Oliver Kahn. Aber sie folgen dem gleichen Muster wie diese, wenn sie das vierte, 3000 Euro teure Prada-Täschchen einkauft, weil ein paar andere Gänse aus der Münchner Schickeria schon beim dritten Prada-Täschchen angelangt sind und die Kahnsche ihr Glück darin sieht, beim Kurzstreckenlauf der Täschchenvermehrung als Erste durchs Ziel zu gehen.

Keine Frage: Um den Arbeitslosen muss der Staat sich Gedanken machen, um die Münchnerin, wie es aussieht, nicht. Der ökonomische Unterschied beider Lebenslagen ist gewaltig. Aber er ist nicht der Schlüssel zu einer gründlichen Kapitalismuskritik. Auch nicht für die Linke! Der erhellendste und klügste Kommentar zum zweiten Armutsbericht der Bundesrepublik war am 11. März dieses Jahres in der taz zu lesen. Er widerlegte den in der deutschen Politik, zumal der Sozialdemokratie, nach wie vor gebräuchlichen Begriff der "relativen Armut" (als arm gilt demnach, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat), der die Realität ganz einfach nicht an ihrem Wurzelproblem packt: an der sozialen Ausgrenzung.