Archäologie Geschichten aus dem Großstadtmüll
Mit einer Fototechnik, die von der Nasa für die Oberflächenuntersuchung fremder Planeten entwickelt wurde, machen Wissenschaftler jahrtausendealte Papyrusfragmente lesbar
Epaphroditus hörte sie klappern unten auf der Straße: Die Castagnetten-Spieler kamen. Weit lehnte der achtjährige Sklavenjunge sich aus dem Schlafzimmerfenster seines Herrn, um die buntgewandeten Musiker besser sehen zu können. Zu weit. Epaphroditus verlor das Gleichgewicht, stürzte hinunter auf die Straße und starb.
Es war der 2. November des Jahres 182 nach Christus, als die Straßenmusiker durch die ägyptische Wüstenstadt Oxyrhynchus zogen und den neugierigen Sklavenjungen das Leben kosteten. Von seinem Schicksal wissen wir aus dem Müll. Ein Chronist hielt den Tod des Epaphroditus für wichtig genug, ihn aufzuschreiben. Doch irgendwann verlor der tragische Bericht an Bedeutung, der Platz im Archiv wurde für neue Texte gebraucht, und die Papyrusrolle mit den Ereignissen jenes Novembertages landete im Abfall; auf einem der großen Haufen am Rande der Stadt, dort, wo die Wüste beginnt.
In diesem Teil Ägyptens fällt so gut wie nie ein Regentropfen. Alles, was oberhalb des Grundwasserspiegels unter den schützenden Sand gerät, konserviert die Trockenheit. So war die Geschichte noch lesbar, als die beiden Oxforder Papyrologen Bernard Grenfell und Arthur Hunt sie 1897 aus dem Müll zogen, gemeinsam mit etwa 50000 weiteren persönlichen Briefen, Einkaufslisten, Steuerbescheiden, Regierungserlassen, Horoskopen – und Werken der Weltliteratur, die etwa 10 Prozent der Funde aus Oxyrhynchus ausmachen.
Nicht alle der rund 400000 Schnipsel sind so gut erhalten wie der Sterbebericht des Sklavenjungen. Viele Fragmente sind nur ein paar Zentimeter groß, nicht mehr als Einzelteile eines Puzzles, von dem der größte Teil der Puzzlestücke fehlt. Die meisten sind ausgebleicht, löchrig, an den Rändern zerfranst, viele unlesbar. Sie schienen für die Nachwelt verloren. Bis sich die beiden Fototechnik-Spezialisten Steven und Susan Booras von der Brigham Young University im amerikanischen Utah der traurigen Reste annahmen. Was bislang nicht mehr war als ein Haufen alter Papyrusfasern, entpuppte sich unter den Spezialfiltern ihrer Kameras zum Teil als jahrhundertelang verschollene Textfragmente griechischer und römischer Dichter.
Meist sind nicht mehr als ein paar zusammenhängende Wörter zu entziffern. Aber sie reichen aus, den Altphilologen ein Leuchten in die Augen zu treiben. Unter den Neufunden sind Zeilen des griechischen Dichters und Geschichtsschreibers Hesiod aus dem 7. Jahrhundert vor Christus. Ein Gedicht von Archilochos, dem griechischen Lyriker und Nachfolger Homers und Hesiods, beschreibt Ereignisse, die zum trojanischen Krieg führten. Es fanden sich unbekannte Texte des griechischen Tragödiendichters Euripides aus dem 5. Jahrhundert vor Christus, Zeilen aus der Tragödie Epigonoi seines Zeitgenossen Sophokles, die von der Belagerung der Stadt Theben handelt, oder mythologische Verse des römischen Dichters Parthenios aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. Und Teile einer verloren geglaubten Schrift des römischen Satirikers Lukian aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert.
Ein Teil der klassischen Literatur wurde in einer Keksdose gerettet
Bislang füllen die mit konventionellen Methoden lesbaren Manuskripte 68 Bände der Reihe The Oxyrhynchus Papyri. Deren Mitherausgeber ist Dirk Obbink. Er ist Direktor des Imaging Papyri Project und Dozent für Papyrologie an den Universitäten Oxford und Michigan. Unter all den Schlaglichtern auf Wissen und Alltag einer ägyptischen Stadt in hellenistischer und römischer Zeit ist Obbinks persönlicher Lieblingsfund das didaktische Horoskop des Astronomen Anoubion aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Er hat das Lehrgedicht selbst ediert. Den lebendigen Geschichten und feurigen Gedichten aus dem Papyrusbestand konnte auch der lange Aufenthalt im Müll nichts anhaben. »Die meisten Leute lieben die in Oxyrhynchus gefundenen Gedichte von Sappho«, verrät Obbink seine zweite große Leidenschaft. »Da will ich mich gar nicht ausschließen. Sie ist meine absolute Lieblingsdichterin aller Zeiten – jeder sollte sie lesen.«
Stimmen die Schätzungen, wird sich mit der neuen Technik der ohnehin schon gewaltige Gesamtbestand an lesbarem Material aus Oxyrhynchus noch einmal um 20 Prozent vergrößern. Dann werden den Altphilologen etwa fünf Millionen Wörter mehr, hauptsächlich auf Griechisch, aber auch auf Latein, Hebräisch, Koptisch, Syrisch, Aramäisch, Arabisch, Nubisch und Frühpersisch zur Verfügung stehen, um darüber eine Flut von Aufsätzen, Büchern und Doktorarbeiten zu schreiben. »Es klingt toll – aber die neuen Texte zu sichten, einzuordnen und zu veröffentlichen ist die eigentliche Arbeit. Und die liegt erst noch vor uns«, versucht Dirk Obbink, die eigene Freude zu dämpfen.
Um die Wörter sichtbar zu machen, nutzen Steven und Susan Booras das Multi-Spectral Imaging Verfahren (MSI). Ursprünglich wurde die Methode von der Nasa entwickelt, um die Oberflächen fremder Planeten zu analysieren. Doch was im Weltall unterschiedliche Materialien identifiziert, kann das auch auf der Erde. Unsere Augen nehmen die Wellenlängen des Lichts als Farben wahr, können aber zwischen den verschiedenen Frequenzen nur grob differenzieren. Wenn der Papyrus und die verblichene Tinte darauf das Licht in zwar unterschiedlichen, aber dicht beieinanderliegenden Bereichen reflektieren, erscheinen uns beide gleich schmutziggrau. Im MSI wird das Objekt durch spezielle Filter fotografiert, mit denen die unterschiedlichen Wellenlängen auch für uns sichtbar werden. So hebt sich die Tinte auf dem Foto deutlich vom Untergrund ab.
Allerdings erfordert es viel Mühe, den richtigen Filter zu finden, oft sind viele Aufnahmen quer durch das Farbspektrum nötig. Manche Texte kommen schon im ultravioletten Bereich zutage, andere erst im infraroten. »In einigen Fällen war auf den Fotografien sogar noch weniger zu lesen als mit bloßem Auge«, schildert Dirk Obbink die Schwierigkeiten. Dabei haben die Archäologen Erfahrung mit dem Verfahren. Zum ersten Mal fand MSI 1990 erfolgreich bei den Schriftrollen vom Toten Meer Anwendung. Auch viele der Schriften aus Herkulaneum, die 79 nach Christus im Ascheregen des Vesuv verkohlten, wurden dank Multi-Spectral Imaging wieder lesbar. Bei den Papyri aus der jordanischen Felsenstadt Petra dagegen versagte die Methode fast vollständig.
Seit mehr als einem Jahrhundert harren nun die von Grenfell und Hunt aus dem Müll geretteten Schriften schon in der Sackler Library ihrer vollständigen Entzifferung. Der Fund der beiden Papyrologen, deren Wissenschaft damals noch eine junge Disziplin war, ist in seinem Umfang bis heute einmalig. »Wir stellten zwei Männer ein, die für uns Blechbüchsen zur Aufbewahrung der Papyri fertigen sollten, aber in den nächsten zehn Wochen konnten sie kaum mit uns Schritt halten«, beschrieb Grenfell die Papyrusflut. Also behalfen sich die Entdecker zunächst mit allen möglichen Behältnissen, um ihre Funde vor Feuchtigkeit und anderen Umwelteinflüssen zu schützen. Einen Stapel Papyri verstauten sie in einer alten Dose für Kekse der Marke Huntley and Palmer’s Best. Schließlich belief sich ihre Ausbeute auf 800 Blechbüchsen, die sie von Oxyrhynchus nach Oxford schaffen ließen.
Jetzt wissen wir es ganz genau: Die Zahl des Tieres ist 616
Was war das für ein seltsamer Ort mit dem komischen Namen? In hellenistischer und römischer Zeit war Oxyrhynchus eine blühende Stadt, die drittwichtigste Ägyptens, etwa 160 Kilometer südwestlich von Memphis, dem heutigen Kairo, in der Wüste gelegen. Fünf Tage brauchte man damals von Memphis nach Oxyrhynchus über den Landweg. Reiste man dagegen den Nil hinauf und folgte dem Bahr Yusuf, jenem Nilarm, der zur Oase Fayum führt, dauerte es zehn Tage. Im Osten der Stadt legten die Nilschiffe an, im Westen führte die große Straße vorbei, auf der die Kamelkarawanen zu den Oasen und gen Libyen zogen. Oxyrhynchus war Handelsstadt und letzter Außenposten der Zivilisation vor unzähligen monotonen Kilometern Wüstensand. Das Theater bot elftausend Zuschauern Platz, im großen Tempel der Stadt verehrten Einheimische und Durchreisende den modernen Gott Serapis. Benannt war die Stadt nach dem heiligen Fisch Oxyrhynchus, dem »scharf-nasigen«. Schon den alten Ägyptern war er ein heiliges Tier gewesen, nach der Eroberung des Landes durch Alexander den Großen behielten die neuen Herrscher viele der alten Gottheiten bei und gewährten ihnen nach wie vor großen Einfluss. In der Spätantike wurde die Stadt christlich und berühmt für ihre vielen Kirchen und Klöster.
Dank der Papyri wissen wir heute, was in der Antike in den Straßen und Gassen von Oxyrhynchus passierte. Wir wissen, wo Tonis der Fischer lebte, wo der Färber Anicetus sein Haus hatte und wo der Gemüsehändler Philamon seine Waren feil bot. Wir wissen, wie viele Abgaben die Bauern zahlen mussten, wenn sie Datteln, Oliven und Kürbisse zum Markt brachten. Wir kennen Juda, der vom Pferd fiel, und Sabina, die Syra so schwer mit ihrem Schlüssel verprügelte, dass diese vier Tage lang das Bett hüten musste – Schlüssel konnten in jenen Tagen noch als massive Bronzeschläger missbraucht werden. Doch es gab nicht nur Mord und Totschlag: Zur Hochzeit des Sohnes ihres Freundes schickten Appolonius und Sarapis eintausend Rosen und viertausend Narzissen.
Ob Datteln oder Rosen, ob Tragödie oder Komödie, die Details sind überwältigend. Früher oder später nahm jedoch alles den Weg des Vergänglichen: auf den Müllhaufen. So auch das Fragment P. Oxy. LVI 4499, ein paar Zeilen aus der Offenbarung des Johannes. »Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tieres; denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist 666«, übersetzte Martin Luther die entsprechende Passage. Anders lautet der Text in der Zürcher Bibel des Schweizer Reformators Huldrych Zwingli, welche als diejenige deutsche Übersetzung gilt, die am nächsten am Urtext des alten Testamentes ist. In ihr steht, was auch auf dem Fragment aus Oxyrhynchus notiert ist: »…und seine Zahl lautet 616.«
- Datum 04.05.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.05.2005 Nr.19
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