Archäologie Geschichten aus dem GroßstadtmüllSeite 2/2

Um die Wörter sichtbar zu machen, nutzen Steven und Susan Booras das Multi-Spectral Imaging Verfahren (MSI). Ursprünglich wurde die Methode von der Nasa entwickelt, um die Oberflächen fremder Planeten zu analysieren. Doch was im Weltall unterschiedliche Materialien identifiziert, kann das auch auf der Erde. Unsere Augen nehmen die Wellenlängen des Lichts als Farben wahr, können aber zwischen den verschiedenen Frequenzen nur grob differenzieren. Wenn der Papyrus und die verblichene Tinte darauf das Licht in zwar unterschiedlichen, aber dicht beieinanderliegenden Bereichen reflektieren, erscheinen uns beide gleich schmutziggrau. Im MSI wird das Objekt durch spezielle Filter fotografiert, mit denen die unterschiedlichen Wellenlängen auch für uns sichtbar werden. So hebt sich die Tinte auf dem Foto deutlich vom Untergrund ab.

Allerdings erfordert es viel Mühe, den richtigen Filter zu finden, oft sind viele Aufnahmen quer durch das Farbspektrum nötig. Manche Texte kommen schon im ultravioletten Bereich zutage, andere erst im infraroten. »In einigen Fällen war auf den Fotografien sogar noch weniger zu lesen als mit bloßem Auge«, schildert Dirk Obbink die Schwierigkeiten. Dabei haben die Archäologen Erfahrung mit dem Verfahren. Zum ersten Mal fand MSI 1990 erfolgreich bei den Schriftrollen vom Toten Meer Anwendung. Auch viele der Schriften aus Herkulaneum, die 79 nach Christus im Ascheregen des Vesuv verkohlten, wurden dank Multi-Spectral Imaging wieder lesbar. Bei den Papyri aus der jordanischen Felsenstadt Petra dagegen versagte die Methode fast vollständig.

Seit mehr als einem Jahrhundert harren nun die von Grenfell und Hunt aus dem Müll geretteten Schriften schon in der Sackler Library ihrer vollständigen Entzifferung. Der Fund der beiden Papyrologen, deren Wissenschaft damals noch eine junge Disziplin war, ist in seinem Umfang bis heute einmalig. »Wir stellten zwei Männer ein, die für uns Blechbüchsen zur Aufbewahrung der Papyri fertigen sollten, aber in den nächsten zehn Wochen konnten sie kaum mit uns Schritt halten«, beschrieb Grenfell die Papyrusflut. Also behalfen sich die Entdecker zunächst mit allen möglichen Behältnissen, um ihre Funde vor Feuchtigkeit und anderen Umwelteinflüssen zu schützen. Einen Stapel Papyri verstauten sie in einer alten Dose für Kekse der Marke Huntley and Palmer’s Best. Schließlich belief sich ihre Ausbeute auf 800 Blechbüchsen, die sie von Oxyrhynchus nach Oxford schaffen ließen.

Jetzt wissen wir es ganz genau: Die Zahl des Tieres ist 616

Was war das für ein seltsamer Ort mit dem komischen Namen? In hellenistischer und römischer Zeit war Oxyrhynchus eine blühende Stadt, die drittwichtigste Ägyptens, etwa 160 Kilometer südwestlich von Memphis, dem heutigen Kairo, in der Wüste gelegen. Fünf Tage brauchte man damals von Memphis nach Oxyrhynchus über den Landweg. Reiste man dagegen den Nil hinauf und folgte dem Bahr Yusuf, jenem Nilarm, der zur Oase Fayum führt, dauerte es zehn Tage. Im Osten der Stadt legten die Nilschiffe an, im Westen führte die große Straße vorbei, auf der die Kamelkarawanen zu den Oasen und gen Libyen zogen. Oxyrhynchus war Handelsstadt und letzter Außenposten der Zivilisation vor unzähligen monotonen Kilometern Wüstensand. Das Theater bot elftausend Zuschauern Platz, im großen Tempel der Stadt verehrten Einheimische und Durchreisende den modernen Gott Serapis. Benannt war die Stadt nach dem heiligen Fisch Oxyrhynchus, dem »scharf-nasigen«. Schon den alten Ägyptern war er ein heiliges Tier gewesen, nach der Eroberung des Landes durch Alexander den Großen behielten die neuen Herrscher viele der alten Gottheiten bei und gewährten ihnen nach wie vor großen Einfluss. In der Spätantike wurde die Stadt christlich und berühmt für ihre vielen Kirchen und Klöster.

Dank der Papyri wissen wir heute, was in der Antike in den Straßen und Gassen von Oxyrhynchus passierte. Wir wissen, wo Tonis der Fischer lebte, wo der Färber Anicetus sein Haus hatte und wo der Gemüsehändler Philamon seine Waren feil bot. Wir wissen, wie viele Abgaben die Bauern zahlen mussten, wenn sie Datteln, Oliven und Kürbisse zum Markt brachten. Wir kennen Juda, der vom Pferd fiel, und Sabina, die Syra so schwer mit ihrem Schlüssel verprügelte, dass diese vier Tage lang das Bett hüten musste – Schlüssel konnten in jenen Tagen noch als massive Bronzeschläger missbraucht werden. Doch es gab nicht nur Mord und Totschlag: Zur Hochzeit des Sohnes ihres Freundes schickten Appolonius und Sarapis eintausend Rosen und viertausend Narzissen.

Ob Datteln oder Rosen, ob Tragödie oder Komödie, die Details sind überwältigend. Früher oder später nahm jedoch alles den Weg des Vergänglichen: auf den Müllhaufen. So auch das Fragment P. Oxy. LVI 4499, ein paar Zeilen aus der Offenbarung des Johannes. »Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tieres; denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist 666«, übersetzte Martin Luther die entsprechende Passage. Anders lautet der Text in der Zürcher Bibel des Schweizer Reformators Huldrych Zwingli, welche als diejenige deutsche Übersetzung gilt, die am nächsten am Urtext des alten Testamentes ist. In ihr steht, was auch auf dem Fragment aus Oxyrhynchus notiert ist: »…und seine Zahl lautet 616.«

 
Service