indonesien »Geld verteilen reicht nicht«
Nach dem Tsunami – Die Universität Göttingen hilft beim Wiederaufbau einer Hochschule in Aceh
Das Hauptgebäude der Syiah-Kuala-Universität in Banda Aceh zeigt keine Spuren des verheerenden Tsunamis, der die indonesische Provinzhauptstadt vor vier Monaten überrollt hat. Aber der erste Blick täuscht: Nur wenige hundert Meter vor dem Hauptgebäude haben die Wellen Halt gemacht, endete die Todeszone. Von 23000 eingeschriebenen Studenten haben sich im neuen Semester 7000 nicht zurückgemeldet. Der Campus hat sich in ein Flüchtlingslager verwandelt, es gibt noch keine Zahlen, wie viele ihr Leben, ihre Familie, ihr Heim verloren haben.
»Jeder von uns ist betroffen. Obwohl die Infrastruktur noch einigermaßen intakt ist, stehen wir vor riesigen Problemen«, sagt Samadi, Dozent an der agrarwissenschaftlichen Fakultät. Zwei seiner Geschwister und deren Familien haben nicht überlebt, viele Freunde und Kollegen gelten als vermisst. »Am schlimmsten hat es die Wohnsiedlung der Dozenten getroffen: Wir haben 120 Hochschullehrer verloren. Die Überlebenden sind traumatisiert«, erzählt er. »Außerdem fehlt es an Lehrmaterial, unsere Labore und die Versuchsfarm mitsamt allen Tieren sind weggeschwemmt worden.« Samadi selbst war in Deutschland, als die Flut hereinbrach. Der DAAD-Stipendiat schreibt seine Doktorarbeit an der Universität Göttingen. Sofort bot er sich als Koordinator möglicher Hilfsaktionen an, dann reiste er nach Banda Aceh, um seine Angehörigen zu suchen.
Die Universität Göttingen schickte im März eine dreiköpfige Fact Finding Mission hinterher, die in intensiven Gesprächen und Workshops in Aceh herausfiltern sollte, welche Art von Hilfe auch langfristig sinnvoll ist. »Wir haben vielleicht nicht so viel Geld wie andere Sponsoren, dafür haben wir aber Zeit und Wissen zu bieten. Wir wollen langfristig helfen, diese Uni durch eine Hochschulpartnerschaft wieder aufzubauen«, sagt Tropenwaldspezialist Carsten Schröder, Koordinator der Fact Finding Mission. Sie habe die akademischen Instrumente dazu: langjährige Erfahrung in Indonesien, Kontakte zu anderen Universitäten sowie die Unterstützung mit Stipendien des DAAD.
»Natürlich benötigen wir auch kurzfristige Hilfe«, sagt Syahrul, Vizedekan der Fakultät für Agrarwissenschaften. »Wenn jemand aber nur Geld verteilt und gleich wieder verschwindet, ist das eine Sackgasse, die schnell zu Ende ist. Wir setzen daher große Hoffnung in eine mögliche Partnerschaft mit der Universität Göttingen. Zum ersten Mal kommt jemand, der auch langfristige Vorschläge zur Zusammenarbeit macht.«
Die indonesische Regierung zögert noch mit ihrer Hilfe für die Syiah Kuala. Dabei gilt die einzige Universität der Provinz als entscheidende Kraft beim Wiederaufbau von Aceh. »Wir müssen erst die genauen Zahlen abwarten«, erklärt der Direktor der Hochschuldepartements im indonesischen Bildungsministerium. Vor dem Tsunami gab es weitere 23 kleinere Hochschulen in Aceh. Ob diese wiederaufgebaut werden, hängt davon ab, wie viele Studenten es noch gibt und ob überhaupt noch ein Bedarf an höherer Bildung besteht. An der Westküste von Aceh haben in manchen Orten nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung überlebt.
»Fliegende Dozenten« sollen die Studenten unterrichten
Auch andere Hochschulen und Asien-Institute zeigen sich hilfsbereit, organisieren Spendensammlungen oder helfen bei der Gesundheitsversorgung in der Katastrophenregion. In Aceh geriet die Göttinger Fact Finding Mission in eine ungewollte Konkurrenzsituation: Seit dem Tsunami ringen dort 325 Hilfsorganisationen um Gelder und Prestigeobjekte.
Auf dem Campus der Syiah Kuala scheinen jedoch nur bestimmte Bereiche attraktiv zu sein. »Bei der Medizin stehen die Helfer Schlange, nicht so bei den Agrarwissenschaften, die in Indonesien so wichtig sind«, bemerkt der Agronom Ronald Kühne. Und Uwe Groß, der Medizinprofessor in der Runde, bestätigt: »Das Krankenhaus benötigt keine weiteren Geräte. Bei der Lehre braucht es allerdings Unterstützung.«
- Datum 04.05.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.05.2005 Nr.19
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