Ostasien China gegen den Rest der Welt

Das Riesenreich erobert den globalen Textilmarkt. Eine Front aus armen und reichen Staaten will neue Handelsschranken

Bis zum Januar war das Leben gut für Hun Sang Heab. Monatlich 100 Dollar verdiente der 28-Jährige als Buchhalter bei Universal, einer Textilfirma im Westen Phnom Penhs. An einer staubigen Schotterstraße, nur wenige hundert Meter vom Fabriktor entfernt, hatte Hun ein kleines Haus gemietet. Die Zukunft schien dem ehemaligen Bauern gesichert, der aus dem armen Norden Kambodschas in die Hauptstadt gezogen und durch seine Arbeit in der Textilfabrik zu bescheidenem Wohlstand gekommen war. Inzwischen weiß Hun nicht mehr, wie er die Miete für das Haus bezahlen und seine Familie ernähren soll. »Die internationale Lage« habe sich verändert, sagte sein Chef, als er ihn vor ein paar Wochen auf die Straße setzte.

Mehr als 20.000 Beschäftigte in der kambodschanischen Textilindustrie – also fast jeder Zehnte – haben seit Jahresbeginn ihren Job verloren. Landesweit wurden 13 Fabriken geschlossen, weitere 24 haben ihre Produktion vorübergehend ausgesetzt. Das ist besonders tragisch, weil die Textilproduktion der einzig nennenswerte Wirtschaftszweig in Kambodscha ist. »Im schlechtesten Fall werden bis zu 40 Prozent aller Betriebe untergehen«, sagt Ken Loo, Generalsekretär des Branchenverbands GMAC. Er spricht für eines der ärmsten Länder in Asien.

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Peter Mandelson, der Handelskommissar der Europäischen Union, spricht für einen der reichsten Wirtschaftsräume der Welt – aber mit der gleichen Motivation: »Europa kann nicht tatenlos zusehen, wie seine Textilindustrie von der Bildfläche verschwindet.«

Europa und ein Entwicklungsland im gleichen ökonomischen Boot – das ist ein seltener Fall, der indes künftig öfter auftreten könnte. Lange war der Handel mit Stoffen und Bekleidung durch ein globales Quotensystem geregelt. Doch seit am 1.Januar die Schranken gefallen sind, spielt China, die traditionsreichste und mächtigste Textilnation der Welt, ihre Stärke ungehindert aus. Ein Handelskrieg alle gegen einen steht bevor, wobei der eine auch der Größte ist. Solange China noch durch die Quote gefesselt war, blühte die Textilwirtschaft in den zahlreichen künstlichen Nischen, die in Kambodscha genauso entstanden waren wie in Sri Lanka, in Bangladesch oder – zumeist für höherwertige Textilien – in Teilen Europas.

Im Streit um die Globalisierung, um freien Handel und die Öffnung von Märkten standen sich in den vergangenen Jahren oft genug Industrieländer und Entwicklungsländer als Kontrahenten gegenüber. Jetzt spaltet die Freigabe eines Marktes auch die Entwicklungsländer in Gewinner und Verlierer. Warum?

Die neue Größe Chinas ist an der Statistik der europäischen Importlizenzen abzulesen (siehe Grafik). Seit Jahresbeginn beantragten Unternehmen aus China in der Europäischen Union Einfuhrgenehmigungen für 373 Millionen TShirts – fünfmal so viel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Gleichzeitig sank der Stückpreis der Handelsware um 40 Prozent auf durchschnittlich 1,41 Euro. Eine ähnliche Lage zeigt sich bei Strickwaren – neunmal mehr Importlizenzen, um ein Drittel niedrigere Preise. Und 84 Prozent mehr Unterhosen kommen aus China, alle um ein Fünftel billiger als zuvor.

Leser-Kommentare
  1. Textilien,die nicht in China hergestellt werden.Dabei kann doch niemand behaupten dass China nicht zu dumping-loehnen arbeiten laesst.Also kann man auch nicht von Wettbewerb reden wenn dort Leute fuer pennies arbeiten und war keine 8 Stunden am Tag.Sklavenloehne sind wohl eher Tatsache.

    • Barock
    • 04.10.2006 um 16:44 Uhr

    Bedenken Sie bitte dies bei der Verwendung des Begriffs Dumping (der mittlerweile schon fast inflationär verwendet wird): Dumping ist Verkauf unter Einstandspreis. Bei allen Mißständen in chinesischen Textilfirmen (oder sonstwo) kann niemand behaupten, dass diese nicht zumindest kostendeckend arbeiten.
    Es ist - leider - so im internationalen Handel, dass der Einstandspreis (=kostendeckend) der eigenen Industrie herangezogen wird und diesem die Netto-Importpreise (ohne Zölle o.ä.) gegenübergestllt wird.
    Wie Sie sehen, ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet, um protektionistische Massnahmen durchdrücken zu können.

    Auch denke ich nicht, dass alleine die niedrigen Arbeitsplatzstandards für die niedrigen Preise veratnwortlich sind. Schließlich können die Schwellenländer in sogenannten Technologiebranchen mittlerweile auch ganz gut mithalten - und dort braucht man motivierte, d.h. gut bezahlte Arbeiter. Es läuft also letzten Endes alles auf die Kaufkraftunterschiede heraus.

    PS: Die Chinesen freuen sich übrigens massivst über die
    Handelsbeschränkungen, garantieren diese doch Ihnen
    eine wettbewerbsunabhängige, überdurchschnittliche
    Marge.

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