50 FilmklassikerToiletten-Dinner

Für eine Szene ist "Das Gespenst" der Freiheit von 1974, Luis Buñuels vorletzter Film, berühmt. von D. Diederichsen

Gäste treffen ein. Man nimmt im Wohnzimmer Platz. Nonchalant streifen die Herren ihre Hosen herunter, dezent raffen die Damen ihre Kleider hoch. Man nimmt auf Toilettensitzen Platz und macht Konversation. Die Spülung. Eine Hausangestellte hält Toilettenpapier auf kleinen Silbertabletts bereit. Ein Kind spricht vom Essen und wird zurechtgewiesen: »Nicht bei Tisch!« Einer der Herren entschuldigt sich, er müsse kurz verschwinden. In einer kleinen Kammer findet er ein Baguette und Aufschnitt.

Für diese Szene ist Das Gespenst der Freiheit (1974), Luis Buñuels vorletzter Film berühmt. Der Regisseur, so die dominante Deutung, habe in seinen späten europäischen Filmen vor allem Konventionen attackieren wollen. Dabei ist das Toiletten-Dinner gar keine eigenständige Episode, sondern nur ein Beispiel in einer Rede. Ein leicht verwirrter Professor hält an der Polizeiakademie ein Seminar über die Relativität des Gesetzes. Vor rabaukenhaften Rekruten spricht er erst von Melanesien und Margarete Mead. »Ja, die Polygamie, bei uns verboten, dort ganz normal. Oder stellen Sie sich vor, meine Frau und ich sind zum Essen eingeladen…« Dann erst sieht man die fragliche Episode. Sie illustriert den Begriff Konventionen also auf dem Niveau der Polizeiakademie, ist als schlechter Witz gekennzeichnet. Erst als die vollendet manierlich scheißende Abendgesellschaft die Übervölkerung und die vielen Tonnen Exkremente, die Menschen produzieren, beklagt, wird Buñuels Position kenntlich. Dass die Reichen den Hunger beklagen, aber selber prassen, ist nämlich ein alter Topos der Bourgeoisie-Kritik: Buñuel macht sich also nicht nur über bigotte Bürger lustig, sondern auch über die Klischees der Kritik an ihnen.

Weniger moralische Spiegelvorhalterei als Karikatur von Rhetorik und Diskursautomatismen sind sein Thema. Der Überschätzung subjektiver Freiheit im Lichte von Sprachspielen gilt das Lachen. Die Figuren sind in das Geflecht ihrer Floskeln derart verstrickt, dass sie deren Dementi durch die Realität verpassen. Das entführte Mädchen ist gar nicht fort, die Pornobilder zeigen nur Touristenattraktionen, der Leberkrebskranke ist mopsgesund. Noch im Detail wird das floskelhaft generierte Wissen unermüdlich von der lakonischen Bildregie widerlegt. »In dieser Gegend gibt es doch keine Füchse.« Kurz darauf schaut sich die Kamera in einem Hotel der Umgebung um. Natürlich steht auf dem Kaminsims ein ausgestopfter Fuchs.

Vor allem aber geht es gegen die abgefeimteste sprachliche Zumutung, die Buñuel, der auf allen Ebenen der Filmindustrie gearbeitet hat, offensichtlich am meisten genervt hat: den Hang zur Erzählung. Der Feind ist der Plot, dem in jeder Form der Teppich, ja Putzlumpen unter den Füßen weggezogen wird. Die unzähligen, oft von Stars wie Michel Piccoli oder Monica Vitti verkörperten Personen verschwinden nach umfangreicher Einführung, Anekdoten verpuffen, und der Chef macht sich schon in der ersten Minute davon: Da werden nämlich Regisseur Buñuel und Produzent Silberman als Aufständische aus dem Jahre 1808 erschossen.

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