Ein häufiger Vorwurf an die Regierung Schröder lautet, dass sie heikle politische Entscheidungen in Expertenrunden auslagere, um sich selbst unter dem möglichen Missfallen der Wähler wegducken zu können. Auch Familienministerin Renate Schmidt hat eine Kommission aus sieben Wissenschaftlern eingesetzt, um sich beraten zu lassen; den Vorsitz führt der Berliner Familiensoziologe Hans Bertram. Man darf allerdings davon ausgehen, dass die kämpferische Ministerin sich nicht hinter ihren Beratern verstecken wird – im Gegenteil. BILD

Das Gutachten Nachhaltige Familienpolitik, das Bertram im Auftrag der Ministerin zusammen mit seinen Kolleginnen Wiebke Rösler und Nancy Ehlert erstellt hat, enthält eine kleine Revolution des familienpolitischen Denkens. Die Autoren plädieren für ein einkommensabhängiges Elterngeld – und attackieren damit das sozialdemokratische Dogma, jedes Kind sei "gleich viel wert" und alle Eltern müssten nach dem Gießkannenprinzip gefördert werden. Die Studie geht auch nicht länger von der Neutralität desStaates gegenüber den Lebensentwürfen seiner Bürger aus: Sie will, dass die Regierung alles tut, um Menschen zur Familiengründung zu bewegen, denn "ohne Kinder reduziert sich die Zukunftsperspektive einer Gesellschaft auf 30 bis 40 Jahre, nämlich auf die Lebenszeit der aktiven Bevölkerung".

Die Autoren missachten ein weiteres Tabu: Sie sprechen offen das Problem der sozial gespaltenen Fortpflanzung an und sehen die Hochschulen als Monopolisten der Elite-Ausbildung in der Pflicht, mehr für den Akademikernachwuchs zu tun. Zudem kritisieren sie die überlangen Ausbildungs- und Studienzeiten in Deutschland – und die ökonomische Abhängigkeit von ihren Eltern, in der junge Erwachsene gehalten werden. Finnland dient ihnen als Beispiel für eine individuelle (Ausbildungs-)Förderung, die frühe Familiengründung erlaubt. Schließlich korrigiert Bertram noch eine zentrale familienpolitische Fehlwahrnehmung: Es gibt nicht nur einen einzigen weiblichen Lebensstil. Karrierefrauen wird man nicht mit Tagesmüttern zur Mutterschaft verlocken können – überzeugte Hausfrauen nicht durch Arbeitszeitkonten für die Berufstätigkeit gewinnen.

Die Geburtenrate steht nicht zufällig an erster Stelle von Bertrams Überlegungen: Die demografische Frage ist Deutschlands größtes familien- und sozialpolitisches Problem. Die inzwischen weniger als 1,3 Sprösslinge pro Frau (zur Bestandserhaltung nötig wären 2,1) geben Anlass zu düsteren Szenarien – für die Renten- und Sozialkassen, aber mehr noch für das Zusammenleben in einem Gemeinwesen, das nicht an seine Zukunft glaubt.

Wer deshalb Kinder-Ermutigungspolitik betreiben will, braucht ein präzises Bild davon, wer oder was den Kindermangel verursacht. Zu dieser Frage liefert Bertram eine interessante neue Antwort: Zwar ist die Zahl der kinderlosen Frauen von zehn Prozent in den siebziger Jahren auf ein knappes Viertel heute gestiegen. Doch diese Kinderlosigkeit ist offenbar nicht der Hauptgrund für die schwächelnde Geburtenrate – sondern vielmehr das Schwinden der Mehrkindfamilien. Auch in kinderreichen Ländern wie den USA (Geburtenrate: 2,1) oder Finnland und Schweden (1,8) hat etwa jede fünfte Frau keine Kinder – aber es gibt doppelt so viele Familien mit drei Kindern wie bei uns. "Deshalb stellt die Konzentration politischer Maßnahmen allein auf die Kinderlosigkeit und die Ermöglichung des ersten Kindes einen sehr begrenzten Ansatz dar", schreibt Bertram. Unter anderem ist der Ausbau der Betreuungsmöglichkeiten hier anscheinend nur eine Teillösung, denn gerade Frauen mit drei und mehr Kindern denken weit weniger an einen Job als Ein-Kind-Mütter: Ihre Entscheidung zu weiterem Nachwuchs dürfte also weniger von genügend Kindergartenplätzen abhängen als von der gesellschaftlichen Anerkennung ihrer Familienarbeit.

Mit den USA teilt Deutschland das Problem der sozial gespaltenen Fortpflanzung. Das Bertram-Gutachten nennt 20 Prozent kinderlose Hauptschulabsolventinnen, aber 36 Prozent kinderlose Akademikerinnen in Deutschland; der Mikrozensus zählt bei den bis zu 35-jährigen Akademikerinnen gar 62 Prozent Kinderlose. Je mehr eine Frau in ihre Bildung investieren musste, so scheint es, desto unwahrscheinlicher wird sie sich für ein oder gar mehrere Kinder entscheiden. "Ähnliches gilt auch für die erreichte Berufsposition", schreibt Bertram. "Frauen in den höchsten Berufspositionen weisen auch die höchste Quote der Kinderlosigkeit auf. In den USA sind zudem Frauen in den höchsten Einkommensgruppen, also jenseits von 75000 bis 100000 Dollar, zur Hälfte kinderlos." Bildung und beruflicher Erfolg wirken wie ein Verhütungsmittel – bei Männern wie bei Frauen, doch die kinderlosen Männer geraten erst langsam in den Blick der Familiensoziologen.

Grund für die Kinderabstinenz der Eliten sind die hart umkämpften Karrierewege an die Spitze. In Deutschland vermindern zudem die langen Jahre der Ausbildung die Wahrscheinlichkeit, dass junge Menschen sich für Kinder entscheiden. Das Institut für Demoskopie in Allensbach zeigte im April, wie sich die Ausbildungszeiten seit den siebziger Jahren ausgedehnt haben: Eine Berufsausbildung schließt man heute zweieinhalb Jahre später ab als damals, ein Fachhochschulstudium drei Jahre später; die Universität verlässt man fast zwei Jahre später, mit 28,5 Jahren (Frauen) und 29,4 Jahren (Männer).

Zudem liegen junge Erwachsene in Deutschland – anders als in Frankreich oder Finnland – während ihrer ohnehin schon überlangen Ausbildungszeit ihren Eltern permanent auf der Tasche. Sie sind deshalb auch viel länger als ihre Altersgenossen in anderen Ländern gezwungen, bei allen Lebensentscheidungen auf die Eltern Rücksicht zu nehmen. Bei uns markiert aus sozialstaatlicher Sicht nicht der Auszug von zu Hause den Übergang ins Erwachsenenleben, sondern allein die (späte) Aufnahme eines Berufs. "Die Familienpolitik in Deutschland hat sich nicht mit der Frage auseinander gesetzt, welche Bedeutung die Unabhängigkeit von den Eltern für die Paarbildung und die gemeinsame Zukunftsplanung von jungen Erwachsenen hat", schreibt Bertram. Bafög und Kindergeld sind an das Einkommen der Herkunftsfamilie gekoppelt und fördern, offenbar besonders bei jungen Männern, das lange Verweilen im Elternhaus.