familienpolitik »Fragt die Frauen!«Seite 2/2
Und wer zu Hause lebt, noch keine Ausbildung hat und von seinen Eltern alimentiert wird, geht kaum eine Partnerschaft, gewiss keine Ehe ein. Ehe und Familiengründung aber sind in unserem Land, anders als in Skandinavien, immer noch eng gekoppelt. Das Gegenbeispiel ist Finnland: Dort richten sich alle staatlichen Förderungen (Stipendien, Wohngeld) direkt an die jungen Leute – wer nach dem 18. Lebensjahr immer noch bei Mama wohnt, muss Abzüge in Kauf nehmen. Eine weitere orientierende Frage hat das Bertram-Gutachten gestellt: Was wollen eigentlich die Frauen? In den Jahren der rot-grünen Regierung konnte man den Eindruck gewinnen, Hauptziel der Politik müsse es sein, alle Mütter in die Arbeit zu treiben – und zwar möglichst 40 Stunden die Woche. Bertram und seine Kolleginnen hingegen folgen einem Modell der britischen Soziologin Catherine Hakim von der London School of Economics, die die Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe untersucht hat. Hakim entwickelte eine »Präferenztheorie«, die eben nicht nur einen, sondern drei weibliche Lebensstile beschreibt: erstens die berufsorientierten Frauen, zweitens die familien- und haushaltsorientierten Frauen, drittens den so genannten »adaptiven« Typus – Frauen, die in Teilzeit arbeiten und ihren Beruf mit ihrem Familienleben verbinden wollen, besonders wenn die Kinder noch klein sind. In Deutschland dominiert mit 60 Prozent ganz klar der Typ der »adaptiven« Frau, gefolgt von etwa 25Prozent berufsorientierten Frauen und 15 Prozent, die das Hausfrauenmodell bevorzugen. Der Unterschied zu den Männern ist frappierend: 67Prozent sind berufsorientiert, 33 Prozent adaptiv – und der Hausmann ein Mythos.
»Während berufsorientierte Frauen empfänglich für Maßnahmen sind, die ihre beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten unterstützen, profitieren familienorientierte Frauen von Familien- und Sozialpolitiken«, schreibt Bertram. »Adaptive Frauen sind offen für alle Formen von Zeit- und Infrastrukturpolitik, die helfen, Familie und Erwerbstätigkeit miteinander zu verbinden. Nur ein Mix aus Zeitoptionen, Infrastrukturangeboten und Geldtransfers kann den unterschiedlichen Lebensentwürfen gerecht werden.«
Die Rush-Hour im Lebenslauf junger Leute muss aufgelöst werden
Der »Geldtransfer«, um den es Hans Bertram dabei vor allem geht, heißt »Elterngeld« und soll das einkommensabhängige »Erziehungsgeld« von bis zu 300 Euro im Monat ablösen. Das Elterngeld ist als Lohnersatzleistung nach schwedischem Vorbild konzipiert: Ein Jahr lang werden etwa 70 Prozent der bisherigen Bezüge an den Elternteil ausgezahlt, der ein Kind zu Hause betreut – das macht den vorübergehenden Ausstieg aus dem Beruf auch für Väter mindestens bezahlbar, vielleicht gar attraktiv. Und hoch qualifizierte Frauen, die das erste Jahr bei ihrem Kind verbringen möchten, müssen sich dafür nicht länger in wirtschaftliche Abhängigkeit von ihrem Mann begeben. Mit 500 Millionen bis 1,2 Milliarden Euro Mehrkosten gegenüber heute rechnet das Familienministerium.
Die Regierung hat inzwischen beschlossen, dass Renate Schmidt bis zum Frühjahr 2006 eine Kabinettsvorlage für das Elterngeld erarbeiten soll. Zum Bundestagswahlkampf könnte die Ministerin dann mit einem Vorschlag aufwarten, dem kaum widersprechen darf, wer die soziale Spaltung der Fortpflanzung zumindest mildern und den Geburtenrückgang aufhalten will.
Wichtig ist ebenso die Entzerrung des Lebenslaufes. Gerade für die Höchstqualifizierten habe der Staat an den Universitäten die Verantwortung, schreibt Bertram, und sei daher auch besonders gefordert. Er schlägt vor, die Aufgaben von universitären Frauenbeauftragten zu denen von »Elternbeauftragten« zu erweitern und die Nachwuchswissenschaftler bei familienfreundlicher Karriereplanung zu unterstützen. »Heute ist ökonomische Selbstständigkeit für etwa 40 Prozent eines Jahrgangs erst nach dem 28.Lebensjahr möglich – mit der Konsequenz, dass für den Aufbau einer Partnerschaft und Familie mit eigenen Kindern höchsten noch fünf bis sieben Jahre zur Verfügung stehen, bei gleichzeitiger Notwendigkeit, sich auch beruflich und ökonomisch zu etablieren. Im Lebensverlauf junger Erwachsener ist eine Rush-Hour entstanden, und dies paradoxerweise zu einem Zeitpunkt, in dem sich die Lebenserwartung dieser jungen Leute um fünf bis zehn Jahre verlängert hat.«
Was Hans Bertram in seinem Gutachten aufgeschrieben hat, so hört man im Familienministerium, sei die Grundlage für den zum ersten Juli angekündigten Familienbericht der Bundesregierung. Dessen Botschaft dürfte lauten: Hört auf die Frauen! Und lasst die jungen Leute beizeiten erwachsen werden.
- Datum 04.05.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.05.2005 Nr.19
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