Internet Kulturkrieg im Cyberspace

Gegen die populäre Suchmaschine Google häufen sich neuerdings Klagen. Jüngstes Beispiel: Die EU will auf französische Initiative hin eine eigene europäische Digitalbibliothek aufbauen - aus Furcht vor dem »Google Print Library Project«

Von Anfang an haftete der Internetsuchmaschine Google der Ruf des Guten an. Don’t be evil lautet das inoffizielle Motto des "Unternehmens der anderen Art" aus Mountain View in Kalifornien, dessen Name sich in den Wortschatz der Sprachen rund um die Welt als Synonym für Internetrecherche eingenistet hat. Die enorme Popularität ist nicht verwunderlich: Google ist ein Freund und Helfer. Es beantwortet Fragen, hilft Probleme zu lösen und neue Dinge zu entdecken – und alles zum Nulltarif.

Doch in letzter Zeit häufen sich die Klagen. Anfang des Jahres gewann der Pariser Reiseunternehmer Fabrice Dariot ein 75.000 Euro schweres Gerichtsverfahren gegen Google-Frankreich, da die Suchmaschine bei Eingabe des von ihm geschützten Begriffs Bourse des Vols (Flugbörse) unter "gesponsorte Links" (für die Googles Anzeigenkunden zahlen) auch Konkurrenten aufführte, die unerlaubter Weise mit dem Schlagwort warben. Ähnliche Verfahren sind in Frankreich, aber auch anderen Ländern anhängig. Hintergrund dabei ist vor allem eine geänderte "Suchbegriff"-Politik von Google.

Auch Auseinandersetzungen über Copyright-Brüche, insbesondere im Zusammenhang mit GoogleNews , dem Nachrichtenservice von Google, enden neuerdings vor Gericht. Während die Nachrichtenagenturen Associated Press (AP) und die japanische Kyodo News Agency über das Thema mit Google noch Gespräche führen, hat Agence France-Presse (AFP) das Unternehmen im März auf 17,5 Millionen US-Dollar Schadensersatz verklagt. Der Vorwurf: GoogleNews benutze unerlaubt urheberrechtlich geschütztes Material der Nachrichtenagentur.

Nun steht gar so etwas wie der "erste Kulturkrieg im Cyberspace" ins Haus. Auslöser ist das Google Print Library Project , das im Dezember angekündigt wurde und die Digitalisierung von zunächst 15 Millionen Büchern aus den Beständen der US-Universitätsbibliotheken von Harvard, Stanford und Michigan State, der New York Public Library und der Bodleian Library der Oxforder Universität in Großbritannien vorsieht.

Auf französische Initiative hin haben sechs EU-Staaten, darunter Deutschland, letzte Woche die derzeitige luxemburgische Präsidentschaft und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso aufgefordert, Vorschläge für eine "Europäische Digitalbibliothek" auszuarbeiten und damit Google ein eigenes Projekt entgegenzustellen. Nationalbibliotheken aus 19 EU-Staaten haben gleichzeitig per Rundschreiben eine entsprechende Absichtserklärung abgegeben. Auch auf der gestern Abend in Paris beendeten europäischen Kulturkonferenz („Für ein Europa der Kultur“), wo sich EU-Kulturminister zwei Tage lang mit 800 Philosophen, Schriftstellern, Film-Regisseuren und Künstlern mischten, wurde das Thema diskutiert.

Begonnen hatte alles im Januar mit einem kämpferischen Artikel von Jean-Noël Jeanneney, dem Leiter der französischen Nationalbibliothek. Unter der Schlagzeile "Wenn Google Europa herausfordert" warnte Jeanneney in der Tageszeitung Le Monde , das großangelegte Digitalisierungsprojekt werde nicht Wissen demokratisieren, sondern das Risiko heraufbeschwören, dass allein Amerika definieren werde, "welches Bild zukünftige Generationen von der Welt haben werden".

Jeanneney forderte einen "Gegenangriff" und erhielt dafür Mitte März Unterstützung von ganz oben: Jacques Chirac gab am 16. März eigens ein Kommuniqué heraus, in dem er wissen ließ, er habe Jeanneney und den französischen Kulturminister Renaud Donnedieu de Vabres beauftragt, "die Möglichkeiten zu untersuchen, wie die Bestände der großen Bibliotheken Frankreichs und Europas in größtmöglichem Umfang und so schnell wie möglich per Internet zugänglich gemacht werden" könnten.

Zwar war da von Google nicht direkt die Rede, doch oszillieren seitdem Diskussionen, Erklärungen und die Berichterstattung um die Contra-Haltung zur befürchteten "angelsächsischen", alles gleichmachenden Übermacht; Grund genug für die britische Nationalbibliothek ( British Library ), den Rundbrief der EU-Nationalbibliotheken nur unter Vorbehalt zu unterstützen.

In London stört man sich an einem Absatz, der eine anti-angloamerikanische oder anti-Google-Frontstellung implizierte. "Wir sind sehr einverstanden mit der Idee, die Digitalisierung von Bibliotheksbeständen in Europa voranzutreiben", sagt Stephen Bury, Leiter der Europäischen Sammlung der British Library und für den Kontakt mit den kontinentalen Kollegen zuständig, "aber wir wollten uns nicht in eine Anti-Position bugsieren lassen." Bei der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main sieht man das Projekt nicht als Konkurrenzunternehmen. "Wir wollen Google nichts entgegenstellen, wir wollen es erweitern", sagt Bibliothekssprecher Stephan Jockel, "europäische Quellen müssen berücksichtigt werden. Es geht ums Dabeisein, nicht ums Dagegensein."

Selbst in Frankreich ist die Initiative nicht ganz unumstritten. Unter der satirischen Überschrift "No Google, please, we’re French" machte sich der frühere Kulturdiplomat und heutige Professor an der Fondation Nationale des Sciences Politique, Pierre Buhler, jüngst in der International Herald Tribune über Googles Verteufelung lustig. Buhler wies unter anderem darauf hin, dass Google-Suchen mittlerweile in über 100 Sprachen möglich sind, und dass beispielsweise von den gut 15 Millionen Büchern der Universitätsbibliothek von Harvard weniger als die Hälfte auf Englisch geschrieben sind: "Man darf annehmen, dass die meisten europäischen Klassiker, sofern die Urheberrechte ausgelaufen sind, berücksichtigt werden."

Bei Google ist man von der europäischen Reaktion überrascht worden. Schon die Voraussetzung, mit dem das EU-Projekt gestartet sei, stimme nicht, heißt es dort. "Wir wollen sämtliche Bücher der Welt digitalisieren", sagt beispielsweise Google-Deutschland-Sprecher Stefan Keuchel, "als globales Unternehmen mit Sitz in Kalifornien sei uns verziehen, dass wir dort angefangen haben. Aber das ist nur ein erster Schritt." Ziel von Google Print , das die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin vergangenen Herbst auf der Frankfurter Buchmesse vorstellten und zu dem das Print Library Projeczt gehört, ist schließlich nichts weniger als die "Informationen der Welt zu organisieren", und das lasse sich als rein englischsprachiges Projekt gar nicht machen.

Das ist ein Punkt, den der amtierende Leiter der Oxforder Bodleian Library, Ronald Milne, für seine Bibliothek, die am Print Library Project teilnimmt, bestätigt: "Wir werden vor allem unsere Bestände aus dem 19. Jahrhundert einbringen, und darunter ist ein bedeutender Teil an fremdsprachiger Literatur," sagt Milne, der die europäische Initiative begrüßte, "selbst wenn ich die Sorgen von Dr. Jeanneney nicht teile." Eine spätere Kooperation beider Projekte, oder eine Zusammenarbeit zwischen der Bodleian Library und der Europäischen Digitalbibliothek, hält Milne für "prinzipiell denkbar".

Nun bleibt abzuwarten, ob die EU in der Lage ist, ein solches Projekt schnell auf die Beine zu stellen. Google, dessen Kassen nach dem Börsengang im Sommer, der das Unternehmen mit 24 Milliarden Dollar bewertete, gut gefüllt sind, will dem Vernehmen nach 150 bis 200 Millionen Dollar investieren und hat bereits mit der Digitalisierung begonnen. Die Dimensionen sind beeindruckend: In Oxford, wo die Vorbereitungen noch laufen, sollen beispielsweise später bis zu 10.000 Bücher pro Woche eingescannt werden.

Europäische Digitalisierungsprojekte waren dagegen bislang eher unterfinanziert, und Schritte zur Koordinierung eher zögerlich, wenngleich im März die TheEuropeanLibrary ans Netz ging. Wenn nun die diffuse Furcht, Google könnte Europa aus dem digitalen Gedächtnis der Welt verbannen, zu größeren Anstrengungen führt, ist immerhin etwas gewonnen. Überhaupt scheinen die Fronten weit verschwommener, als die Verlautbarungen es vermuten ließen. Denn Gespräche zwischen Google und Bibliotheken rund um die Welt, einschließlich mancher Unterzeichner des Rundbriefs für die Europäische Digitalbibliothek, gehen wohl weiter. So ist wohl bei aller exception culturelle hier und einem eher merkantilistischen Kulturbegriff dort eine Verständigung am Ende nicht ausgeschlossen.

 
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  • Quelle (c) ZEIT.de, 04.05.2005
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