zeitgeschichte Geschichte? Aber bitte nur eine!

In Russland wird der historische Sieg über den Faschismus groß gefeiert – und für die Konflikte der Gegenwart missbraucht. Der Patriotismus soll sogar den Krieg in Tschetschenien legitimieren

In Russland erinnert man sich lieber an den Sieg über den Faschismus als an den Sieg über den Kommunismus. Der 9. Mai ist der einzige große Feiertag, der aus der sowjetischen Vergangenheit übrig geblieben ist. Jeder ist davon überzeugt, dass sich das Schicksal des Zweiten Weltkriegs auf russischem Boden entschied. Emotional und moralisch bedient die Erinnerung den Stolz auf eine ruhmreiche Vergangenheit, die in die weniger glorreiche Gegenwart reicht. Noch immer ist in den Familien das Gedenken an die Opfer wach. Noch immer begeben sich junge Paare am Tag ihrer Eheschließung zum Grab des Unbekannten Soldaten. Freiwillige Jugendgruppen suchen seit Jahren in den Sommerferien die Schlachtfelder nach Überresten der Gefallenen ab, um diese endlich würdig zu bestatten.

Auch Stalin kehrt in die Erinnerung zurück. Im Moskauer »Siegespark« Poklonnaja gora, von Jelzin zum 50. »Tag des Siegs« eingeweiht, sollte ihm als obersten Kriegsherren ein Denkmal errichtet werden. Das Projekt wurde abgelehnt, doch seit seinem 50. Todestag (2003) reißen die Stalin-Biografien nicht mehr ab. In einer aktuellen Meinungsumfrage stellten ihn 50. Prozent an die erste Stelle aller führenden Staatsmänner der Welt. Der liberale Abgeordnete Ryschkow spricht von seiner »unterschwelligen Rehabilitierung«. Als »Stalin light« wird Putin im Moskauer Volksmund gehandelt. Seit Monaten mobilisieren die Medien die Erinnerung an den »heiligen Krieg«. Die russische orthodoxe Kirche betonte auf einem Symposion im März ihre »wahre Rolle in der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges und ihren außerordentlichen Beitrag zum Sieg«. Zweitausend im Krieg aktive Priester werden am 9. Mai mit dem eigens von der Kirche geschaffenen Dimitrij-Donskoj-Orden für ihre »Kriegsverdienste« ausgezeichnet. Einige der populärsten russischen Ikonen werden zu diesem Anlass einem in Baikonur startenden Weltraumschiff beigegeben, eingedenk der Tatsache, dass »der russische Mensch sich vor der Gefahr in Kriegen immer an Gott wandte und der wahre Bürger und Patriot an Gott glaubt«.

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Das Gedenken soll die Jugend zum Stolz auf die Heimat erziehen

Sowjetischer Tradition gemäß wird weiterhin vom »Großen Vaterländischen Krieg« gesprochen. Das Attribut vaterländisch, vom Parteiblatt Prawda bereits am 23. Juni 1941 lanciert, appelliert an den ersten »Vaterländischen Krieg«, in dem Russland über Napoleon siegte. »Die Kriegstraditionen unseres Landes geben sich nicht einfach von Generation zu Generation weiter, sie sind im Blut«, bekräftigte Putin am »Tag des Verteidigers des Vaterlandes«. Putin will zum 60. Gedenktag entschieden mehr Patriotismus mobilisieren als Jelzin zum 50. Ein eigens bestelltes Organisationskomitee Sieg soll das Gedenken für die »Wiedergeburt und Stärkung des Patriotismus« und die »Erhöhung des internationalen Prestiges des russischen Staats« nutzen. Die Veteranen aller »Kampfhandlungen«, in Afghanis-tan wie in Tschetschenien, ja sogar Veteranen des KGB sollen dazu mobilisiert werden.

Die »Wahrheit des Krieges«, die in den staatlichen Verlautbarungen beschworen wird, soll nicht die Kriegsmythen ersetzen, sondern die Jugend zum Stolz auf die Heimat erziehen. Aus der Geschichte lernen, heißt die Devise. Ihre Hauptlektion – der »Triumph unseres Landes« – dient auch zur Legitimation der Gewalt über Tschetschenien. Dieser offizielle Diskurs, dem auch die Kirche folgt, zieht eine ausdrückliche Parallele zwischen dem Sieg über den Faschismus und dem Sieg über den internationalen Terrorismus. Die Russen haben die Faschisten besiegt, folglich werden sie auch die Terroristen (sprich Tschetschenen) besiegen. So hatte sich Putin nach dem Terroranschlag auf Beslan geäußert, und so ließ er sich zum 60. Gedenktag an die Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee vernehmen. Den Mut der (von ihm selbst geschaffenen) Spezialeinheiten des FSB verglich er unmittelbar nach Beslan mit dem Mut der sowjetischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg.

Nach offiziellen Angaben gibt es 8,1 Millionen Veteranen, von denen mehr als eine Million unmittelbar am Krieg teilnahmen. Sie alle werden nun als Helden gefeiert und mit einer Medaille ausgezeichnet. Nimmt man sich jedoch die Mühe, die langen Seiten der bürokratisch aufgelisteten Maßnahmen für den 9. Mai durchzugehen, tritt eine Realität zutage, die sich kaum durch Orden kompensieren lässt. Noch 60 Jahre nach Kriegsende werden den Veteranen Telefonanschlüsse versprochen und den Invaliden pflegerische und medizinische Betreuung. Noch 60 Jahre nach Kriegsende ist das Wohnungsproblem der Veteranen nicht gelöst, sind ihre Renten zu niedrig. Die dafür aus dem Budget der Russischen Federation bereitgestellten Summen sind beachtlich, wenn sie denn vom Papier in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Die Proteste, die russische Rentner, unter ihnen zahlreiche Veteranen, im Januar auf die Straßen trieben, lassen in dieser Hinsicht nichts Gutes ahnen. Sie sind ein Aufschrei gegen Putins »soziale Reformen«, die ihnen die letzten aus der Sowjetzeit erhaltenen Privilegien nehmen.

Nach außen sind imposante Erinnerungsakte geplant, darunter eine neue Kriegsgeschichte, ein neuer Sender Radio Sieg, ein Zug von Moskau nach Berlin mit abschließenden Feierlichkeiten am Treptower Ehrenmal. Der »Große Vaterländische Krieg« steht im Zentrum russischer Geschichtspolitik. Hatte die Oktoberrevolution den sowjetischen Staat legitimiert, so legitimiert der Sieg 1945 den postsowjetischen Staat. Schon 2001 hatte Putin die Historiker aufgefordert, die Kriegsverdienste Russlands und vor allem seiner Generäle stärker hervorzuheben. Irritiert von der Vielzahl der Lehrbücher, die der russische Markt inzwischen bietet, plädierte Putin für ein Einheitsgeschichtsbuch. Nach seinen Vorstellungen hat Geschichtsschreibung die Gesellschaft zu konsolidieren und nicht verschiedene Meinungen zu repräsentieren.

Doch gehen die Schulbücher ohnehin nicht näher auf kontroverse Fragen ein, die jüngere russische Historiker durchaus beschäftigen. Patriotische Rhetorik bestimmt vor allem die Bücher für die unteren Klassen. Wurde vormals Stalin verherrlicht, ist es heute Marschall Schukow. Dem von Stalin später kaltgestellten Eroberer Berlins hatte bereits Jelzin ein Denkmal an der Kremlmauer errichtet. Seine Erinnerungen werden von einem Massenpublikum gelesen, seine Kriegstugenden der Jugend als Vorbild verschrieben.

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