Patti Smith im Interview Die Liebe ist der Kern

Patti Smith ist die Heilige des Rock 'n' Roll. Im Sommer führt ihre Mission sie nach Bochum. Konrad Heidkamp sprach mit ihr über wahre Spiritualität, den neuen Papst und die Kardinäle Jimi Hendrix und Bob Dylan

Sie lebt in New York in einem dreistöckigen Brownstone am Rande von Soho, dort, wo Boutiquen und Galerien noch nicht Fuß gefasst haben. Sie öffnet die Tür, schwer erkältet, aus Rom zurück. Die Weste trägt sie stilvoll falsch herum, die Jeans aufgekrempelt, die langen Haare kämmt sie mit 58 so ungern wie mit 12. Die rote und die rosa Socke passen perfekt zu einer Rock-’n’-Roll-Ikone, die sich, eingewickelt in eine Decke, hustend in eine Sofaecke setzt, physisch derangiert, mental hellwach.

Sie waren in Rom, als Papst Benedikt XVI. gewählt wurde. Ist Patti Smith zum katholischen Glauben konvertiert?

Ich flog nach Rom, um eine Ausstellung mit meinen Bildern und Fotografien zu eröffnen. Also habe ich die Gelegenheit genützt und ging zum Petersplatz. Plötzlich wedelten die vielen Nonnen mit den Armen in der Luft und riefen »Blanca, blanca«. Als ich zum riesigen Bildschirm hochschaute, sah ich den weißen Rauch. Und dann fingen die Glocken an zu läuten – Wow!!! Es war einer der aufregendsten Tage meines Lebens. Unter Tausenden von Menschen auf dem Platz zu stehen, umgeben von dieser unglaublichen Freude. Für mich war das ein Augenblick positiver Geschichte –, und ich habe viele negative Momente erlebt. Selbst aus großer Entfernung konnte man auf dem Bildschirm die Menschlichkeit dieses Mannes spüren. Er war so glücklich – ich habe geweint. Dabei bin ich keine Italienerin, geschweige denn katholisch.

Nun teilen nicht alle diese Freude.

Ich weiß, dass er nicht nach jedermanns Geschmack ist, aber ich denke, er ist eine gute Wahl. Da ich mich um kein Dogma kümmern muss, kann ich intellektuell und spirituell von ihm lernen, wie ich auch vom Dalai Lama gelernt habe. Ich mag ihn – Ratzinger –, sehr sogar.

Er wirkte gelöster, anders, als man ihn kannte.

Er verändert sich. Sein Leben lang saß er in Zimmern und Bibliotheken und las und lehrte, und jetzt fühlt er die Liebe der Menschen. Das merkt man.

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