Die entscheidende Einsicht hatte Karl Marx bereits in den 1840er Jahren. Er sah, dass der Kapitalismus die innovativste und kreativste Wirtschaftsordnung der Menschheitsgeschichte ist und zugleich auch die zerstörerischste. Marx erkannte, dass der Kapitalismus einerseits zu ungeahnten ökonomischen Leistungen führt und andererseits dazu neigt, jede Gesellschaft, in der er sich entwickelt hat, unaufhaltsam zu untergraben und aufzulösen.

Marx hätte es bei dieser Einsicht belassen sollen. Stattdessen erlag er der großen, wiederkehrenden Versuchung einer Zivilisation, die ihre Entstehung der christlich geprägten westlichen Welt verdankt: Er verfiel der utopischen Hoffnung, alles Gute könne in einer einzigen harmonischen Gesellschaftsordnung vereinigt werden.

Bekanntlich bestand diese Utopie in der Abschaffung des Kapitalismus, dessen Dynamik Marx allerdings in einer unablässig kreativen und produktiven kommunistischen Ordnung beibehalten wollte. Heute hingegen tauchen dieselben Illusionen am anderen Ende des politischen Spektrums auf, nämlich bei unseren triumphierenden Neoliberalen. Sie verteidigen die Freiheit des Marktes und glauben, diese sei die einzige und perfekte Lösung sämtlicher Probleme.

Die ursprüngliche Einsicht von Marx meinte aber etwas anderes, und vielleicht könnte man sie mit dem Bild von der heillos zerstrittenen Ehe beschreiben: Ohne den Kapitalismus können wir nicht leben (denn marktförmige Beziehungen durchdringen die Gesellschaft auf vielen Ebenen), aber mit ihm können wir es kaum aushalten. Der Drang, soziale Kosten erfolgreich abzuwälzen, macht den eigentlichen Wesenskern des Kapitalismus aus. Seine Nebenwirkungen werden als "externe Effekte" ausgegeben oder zum Problem von jemand anders erklärt. Die Abwälzung von Kosten – Umweltverschmutzung, Verfall sozialer Bindungen durch unsichere Beschäftigungsverhältnisse oder Niedriglöhne und so weiter – erhöht die Profite. Dieses Verfahren ist für den Kapitalismus unwiderstehlich, jedenfalls solange es keine wirksame Abschreckung gibt.

Mit einem Wort: Kapitalistische Gesellschaften sind der Schauplatz eines andauernden Dilemmas. Wie kontrolliert man Unternehmen, um die schlimmsten sozialen und ökologischen Folgen zu verhindern, ohne gleichzeitig ihre Abwanderung zu provozieren oder das Wachstum zu schwächen? Ständig sind Regierungen gezwungen, die notwendige Kontrolle des Kapitals gegen die Gefahren der Standortverschlechterung abzuwägen. Dafür gibt es keine harmonischen Lösungen, sondern nur instabile, Schaden begrenzende Kompromisse.

Und natürlich hängen die möglichen Kompromisse vom globalen Wettbewerb ab. Die besten Lösungen für dieses Dilemma sind deshalb internationale Lösungen, wodurch sich die genannten Schwierigkeiten allerdings um ein Vielfaches vergrößern.

Besonders drastisch zeigt sich das dort, wo ökologische Fragen berührt werden. Der Kapitalismus gefährdet nicht nur die Gesundheit und das Wohl derer, die im Zuge der Globalisierung ausgegrenzt werden und die dann als Masse der Marginalisierten möglicherweise den Nährboden terroristischer Gewalt bilden. Der Kapitalismus kann auch zu irreversiblen Umweltkatastrophen führen. Jeder weiß, dass die einzige Hoffnung, beispielsweise in Bezug auf Treibhausgase, in der globalen Zusammenarbeit der Nationen liegt. Doch der mächtigste Großverschmutzer der Welt, die USA, hat sich aus dem Prozess verabschiedet. Kurzum, das Dilemma des Kapitalismus könnte uns durchaus noch umbringen.