Gedichte Eselig und eselselig

Die wunderlichen Gedichte der Odile Caradec

Einmal kam so ein Buch, wie manchmal so ein Buch kommt, nicht aus dem Silo der Konzerne, sondern von einer fernen Insel zum Beispiel oder aus dem Gebirge oder aus der Tiefe des Waldes. Verlag im Wald, das stand da tatsächlich drauf, Odile Caradec hieß die Autorin, und es trug den Titel , nur ohne Kommas.

Es hatte ein sonderbares Querformat und war voller sehr bunter, fröhlich vertaumelter Bilder, Claudine Goux hieß die Illustratorin, und man las die wunderlichsten Verse, über Kühe eben, über Celli und Autos. Schon diese Kombination verwirrte, und überhaupt war alles ganz einfach und ganz verwirrend zugleich in Odile Caradecs Gedichten. Naiv und surrealistisch ging es hier zu, morgenhell und dämmrig, alles wie mit klarem Traum betaut. Unvergesslich.

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Wer war, wer ist das? Jahrgang 1925, in Brest, in der Bretagne geboren, viele Jahre Bibliothekarin am Lycée Camille Guérin in Poitiers, außerdem Kammermusikerin. Das konnte man einer Notiz des Verlages entnehmen, und das steht jetzt wieder hinten drin in diesem zweiten Band mit Gedichten von Odile Caradec, der im Verlag im Wald erschienen ist; Verleger Rüdiger Fischer hat alles selbst übersetzt. Das französische Original steht aber gleich daneben, und man kann hier und da nachprüfen, so weit des Lesers eigenes schwächelndes Französisch trägt, dass Fischer recht wörtlich übersetzt hat, vielleicht manchmal etwas zu wörtlich.

Aber der Zauber! Den hat er doch bewahrt. Denn eigentlich sind das ganz rohe, unbeholfene Gedichte, sind das ganz schlechte Gedichte. Ja, ganz schlechte Gedichte. Aber wie raffiniert, wie verblüffend sie sind, man kommt nicht davon los. So ging es einem mit den Kühen, den Autos und Celli, und so geht es einem jetzt wieder mit Chats, dames, étincelles – Katzen, Damen, Funken.

Wieder scheint alles durcheinander zu tanzen und zu stolpern, randlos, punktfrei, und wieder glänzt alles zart und ein bisschen somnambul wie mit Traum überzogen. Bei dieser Zeile kommt einem Else Lasker-Schüler in den Sinn, bei jener Jesse Thoor, Robert Walser vielleicht.

Aber Odile Caradec gebraucht natürlich ihre eigenen Künste, den Kreis um den Leser zu schlagen. Grob skizziert sie ein Bild, lässt Assoziationsranken daraus wuchern, die sie suggestiv rhythmisiert und wieder abbricht, ins Ungefähre verstreut: »Die Stadt durch die blühenden Mandelbäume sehen / zuerst den Nebel sehen / dann die gedämpften Häuser, dann den Atem der Bäume / dann meinen eigenen Atem, dunstig, körperlich / Hauch vom Grund der Zeiten her / Hauch, den ich mit Bienen und Ameisen teile / mit Maulwürfen, Schnecken, mit leichten Tieren…«

In ihrer Küche steht der »Wandschrank voll toter Seelen und Bangigkeit«; da bringt »der Heilige Geist das Kupfergeschirr zum Glänzen«; da singen die Linsen, Thymian, Lorbeer – auch die Äpfel im Regal, »und in den Ritzen der so langen Nacht / sieht man ein starkes Leuchten / die Zweige werden sanft / schwarz und sanft / wie die Finger der Toten« (Die Hündin Vanille riecht den Herbst).

Die großen Ohren des Esels »als Schattenspiel vor dem Mond« preist sie, und »das Grau des Himmels berauscht« sie, wie alle Melancholie Rauschzustand ist. Dann aber wechselt sie in die Groteske: »Vergiß nicht o Frau / deinen melancholischen Hintern / gründlich mit Pulver zu scheuern // Er glänze kunstvoll / im aufsteigenden Nebel!«

Es wuchert im poetischen Unkräutergarten der Odile Caradec aus allen Winkeln. Zart schlingen sich die Winden, bis sie plötzlich ihre großen weißen Blütentrompeten blasen. Ein manieristisches Spiel mit dem Grotesken und Magischen, konkav, konvex. Faunisch und eselig. Eselselig, das auch, und vor allem: unvergesslich.

Katzen, Damen, FunkenBelletristikGedichte, deutsch/französisch, übersetzt von Rüdiger Fischer, mit Illustrationen von Claudine GouxOdile CaradecBuchVerlag im Wald2005Rimbach15,00127Gedichte, deutsch/französisch, übersetzt von Rüdiger Fischer, mit Illustrationen von Claudine Goux; Verlag im Wald, Rimbach 2005; ISBN 3-929208-69-5; 127 S., 15,– €BelletristikBuch
 
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