Erzählungen

Die Flüchtigkeit des Glücks

James Salter ist ein Meister subtiler Beobachtung

Das Leben ist ein Kampf, der tragisch endet. Mit solch griffigen Botschaften stattet der James Salter gerne seine Geschichten aus. Seine Figuren sind Kämpferherzen. Sie scheinen zu wissen, wo es langgeht. Doch kommen sie selten, eigentlich nie an ihr Ziel. Salter wurde in West Point, der berühmten Militärakademie, zum Offizier ausgebildet. Nach Einsätzen in Korea quittierte er als Pilot den Dienst und wurde Schriftsteller. Es gelang ihm, die militärische Härte ins Schreiben umzusetzen. Der Handelnde wird Beobachter. Mit rücksichtsloser Genauigkeit betrachtet er seine Figuren. Sein Blick dringt über die normale Wahrnehmungsschwelle hinaus, weil er auch die atmosphärischen Einflüsse erspürt und selbst die unscheinbarsten Gesten noch bemerkt. Als Beobachter kennt er keine Moral. Seine Helden laufen ins Verderben, und er sieht zu. Die Härte seiner Beschreibung teilt sich dem Leser als Melancholie, als sanfte Trauer mit. Oft sind es Hemingway-Typen, die er uns präsentiert, jener Schlag von Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die letzten ihrer Illusionen verloren und danach begonnen haben, um das bisschen Glück, das ihnen auf dieser Welt vielleicht vergönnt sein mag, zu kämpfen.

In seinem vielleicht schönsten, in Deutschland erfolgreichsten Roman Lichtjahre beschreibt er ein Paar, das aus eigenem Verschulden, doch ohne es zu wollen, alles, was es besitzt, Liebe und Leben verspielt. Fast aus Jux und Dollerei. Man experimentierte damals, in den Sechzigern. Als die Folgen solcher Selbstverwirklichung sichtbar werden, ist der Schaden irreparabel. Dieser existenzielle Grundton klingt auch in seinen neuen Geschichten an. Als Letzte Nacht in den USA 2001 erschien, war der Autor 76 Jahre alt. Obwohl die Geschichten bis in unsere Gegenwart hineinreichen, sind sie geprägt von einem Zeitgeist, der eher an Beckett oder Camus erinnert, nie an Philip Roth oder Updike und schon gar nicht an die jüngeren Amerikaner von Franzen bis zu O’Nan.

Wieder geht es um das Misslingen von Lebensentwürfen und den Verlust an Hoffnung, ausgelöst von einem schiefen Blick, einem falschen Wort. Salter, der Kämpfer, erweist sich als ein Meister des Federgewichts. Manchmal entscheidet ein leichtes Runzeln der Stirn über ein ganzes Leben. Der Mensch erscheint, wie immer er sich auch abstrampeln mag, seinem Schicksal ausgeliefert. Immer geht es ihm aber auch um jene schlichten Wahrheiten, von denen alles Erzählen lebt. Leslie, die hübsche Frau, die nachts im Taxi nach Hause fährt, lautlos weinend, wird vom Fahrer gefragt, was mit ihr los sei: »›Nichts‹, sagt sie, den Kopf schüttelnd. ›Ich sterbe.‹« Sie habe Krebs. Und der Taxifahrer, der schon vielen seltsamen Menschen begegnet ist, fragt sich: »Was, wenn Gott, aus welchen Gründen auch immer, beschlossen hatte, das Leben eines solchen Menschen zu beenden? Man konnte es nicht wissen. So viel verstand er.« Auch der Leser erfährt nichts über den Wahrheitsgehalt von Leslies Aussage.

So erscheinen diese Geschichten wie Versuchsanordnungen. Manche Pointen sind etwas dürftig. Doch Salters Sprache bleibt so differenziert, dass sie noch die subtilsten Empfindungen erfassen und deren kaum erkennbare Wirkungen beschreiben kann. Was die Menschen zusammenhält, wird als sprichwörtlich seidener Faden sichtbar. »Philip heiratet Adele an einem Tag im Juni.« Für beide ist es nicht die erste Ehe, einige Monate vergehen. Auf einer Party klagt eine Frau, man habe ihr den Mann gestohlen. Philip konstatiert, das passiere doch jeden Tag. Und schon hat auch er sein Glück verspielt. Ein falsches Wort zerstört, und darin liegt Salters Leistung, nachvollziehbar jene prekäre Balance, in der sich Adele und Philip gerade eingependelt hatten. Salter verschmäht den Weichspüler, mit dem uns die Sozialarbeiter, nach dem Scheitern der großen Hoffnungen, von allen unseren Problemen reinwaschen wollen. Seine letzte Geschichte endet: »Es war, wie es war.« So ist es, und nicht nur bei Salter.

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  • Von Martin Lüdke
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 04.05.2005 Nr.19
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