100 Jahre Las Vegas Alles auf eine KarteSeite 6/6

Nur ein paar hundert Meter Luftlinie von Goodman entfernt, sitzt der County-Manager Thom Reilly, ehemals Sozialarbeiter und Uni-Professor, der lange für die Kinderwohlfahrt gearbeitet hat und die Stadt von ihrer bedürftigen Seite kennt. Für Reilly ist die wichtigste Frage der Zukunft: Wie erzeugen wir Gemeinschaft? In einer Stadt, die auf Touristen und nicht ihre Bewohner ausgerichtet ist, die wie ein riesiger breiter Vorortteppich daherkommt, unter dem sich jeder nach der Arbeit vergräbt. Ein gutes Beispiel, wie sich auf einfache Art dieses Gefühl von Gemeinschaft erzeugen lasse, finde seit zwei Jahren jeden ersten Freitag im Monat im Arts District statt, sagt Reilly. Eine Art Stadtteilfest, das von einigen Galerien organisiert wird. Die Galeriebesitzerinnen haben einen öffentlichen Raum geschaffen, an dem sich die Leute treffen und der der Gegend einen Charakter gibt. Und das, obwohl Kunst von den Bewohnern Las Vegas’ immer belächelt wurde. Das mag andernorts nichts Besonderes sein, für Las Vegas ist das etwas völlig Neues. Und es ist selbst gemacht.

Heute hat der Tag für Gordon Smith gut begonnen. Sein ältester Sohn Josh ist rechtzeitig aufgewacht, hat seine schwarze Bundfaltenhose und das weiße Hemd angezogen, er hat eine Fliege umgebunden, die kurzen schwarzen Haare gegelt und ist unter blauem Himmel auf die Chippendale Lane hinausgetreten. Gordon Smith hat das Auto angelassen, hat sich selbst eine Marlboro und seinem Sohn eine Menthol angezündet, dann hat er Josh in eine Zukunft gefahren, so wie er sie sich zumindest für den Anfang erst einmal ganz gut vorstellen kann: in einem der Casino-Restaurants, als Tischanweiser. Josh ist 18 Jahre alt, zwei Wochen dauert seine Ausbildung im Training-Center der Culinary Union, sie kostet 500 Dollar. Allerdings ist Josh schon die vierte Woche dabei, er schafft es einfach nicht, zwei Tage nacheinander morgens rechtzeitig aus dem Bett zu kommen.

Von dieser seltsamen Kunstveranstaltung im Arts District hat er schon mal gehört, dort gewesen ist er jedoch noch nicht. Aber Oscar Goodman, den Bürgermeister, den findet Josh cool. »Weil der genauso viel trinkt wie ich.« Jeder in Las Vegas hat kürzlich mitgekriegt, dass Goodman nach einer Lesung in einer Grundschule auf die Frage eines Kindes, was er denn am allerliebsten mit auf eine einsame Insel nehmen würde, gesagt hat: »Meinen Lieblings-Gin.« Warum Goodman eigentlich in dieser Schule war, das interessierte keinen mehr. Es ging nur noch um den Gin. Goodman hatte vor zwei Jahren einen 100.000-Dollar-Scheck von einer Firma in Nevada angenommen, für die er von seiner Lieblingsmarke Beefeater auf deren Marke Bombay Sapphire gewechselt ist. Das Geld wurde natürlich für einen guten Zweck gespendet.

Josh steht vor seinem Vater und schenkt ihm ein rotes, klebriges Getränk ein, das wie ein Mundwasser schmeckt. Er tritt unruhig von einem Fuß auf den anderen, denn er wartet mal wieder auf eine Mitfahrgelegenheit. Seine Freunde drängeln sich bereits in seinem kleinen Zimmer, sie wollen feiern, auf den Strip gehen, da, wo die Casinos stehen, da, wo die Leute sind, wo man öffentlich Alkohol trinken kann, wenn man 21 ist, und ihn auch kaufen kann. Eben dazu brauchen sie Lance, denn der hat das magische Alter schon erreicht, außerdem hat er ein Auto. Und damit sie in der richtigen Laune auf dem Strip ankommen, betrinken sie sich schon mal in Joshs Zimmer. »Der Strip ist langweilig, wenn man nicht betrunken ist«, meint Josh. Ja, vielleicht werde er es später mal bereuen, die Schule geschmissen zu haben, aber jetzt auf keinen Fall. Dafür amüsiere er sich viel zu gut. »Ich mag Menschen, und ich bin der geborene Verkäufer, so jemand kriegt in Las Vegas immer einen Job«, sagt Josh und nickt seinem Vater auf dem Sofa zu.

Matt Wray, der Soziologe, hat seinen Computer ausgemacht und räumt die Unterlagen über die Selbstmorde weg. Mindestens zwei neue Fälle gab es heute. Eine junge Frau, die sich erhängt hat, einen 65-jährigen Mann, der eine Überdosis Pillen geschluckt hat, in zwei weiteren Fällen war die Todesursache nicht ganz klar. Wray trinkt noch ein Bier in einer fensterlosen Kneipe und fährt nach Hause.

 
Service