zeitgeschichteOhne Antwort, ohne Trost

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist ein rätselhaftes Monument. Doch sechs Millionen ermordete Juden sind kein Rätsel von Michael Naumann

Das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" in Berlin ist das erste Nationaldenkmal der Bundesrepublik. Am nächsten Dienstag wird es eröffnet. Der Bundestag hatte seinen Bau vor sechs Jahren beschlossen. Das Stelenfeld am Brandenburger Tor verkörpert den Höhepunkt einer geschichtspolitischen Debatte über den symbolischen, künstlerischen Umgang mit deutscher Schuld und Verantwortung für den Holocaust. Das Denkmal in seiner heutigen Form lehnte die Opposition im Bundestag mit wenigen Ausnahmen, zum Beispiel Wolfgang Schäuble, geschlossen ab.

Es ist auch das weithin sichtbare Zeichen einer im Krieg oder kurz danach geborenen Generation, die über das Projekt mit sich selbst in Streit geriet. Als wäre es ein kommunikationstheoretisch interessantes Thema gewesen, begütigten sich seine Teilnehmer – des Konflikts am Ende müde geworden – mit der These, die Diskussion selbst sei ein Teil des Mahnmals.

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Der Streit kreiste um ästhetische Fragen ("Wie schön darf ein Denkmal für die Schoah sein?"), um identitätspolitische Probleme ("Für wen ist das Denkmal eigentlich? Für die Nachfahren der Täter, Mitläufer und NSDAP-Wähler – oder der Opfer?") und schließlich auch um die Kosten ("Keinesfalls mehr als 50 Millionen Mark").

Europas politische Monumente stehen seit der Antike in der Tradition sinnstiftender Heldenverehrung. Die kriegerische Germania oberhalb von Rüdesheim und das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald erinnern an die ersten kulturpolitischen Versuche des Deutschen Reichs nach 1871, künstlerische Allegorien nationaler Gemeinsamkeit zu bauen. Es entstanden patriotisch überladene Ausflugsziele. Ein Zentraldenkmal, das in einer Hauptstadt an die nationale Schande oder ihre Opfer erinnert, hatte es weder in Deutschland noch anderswo gegeben. Ein Verbrechen vom Ausmaß des Holocaust allerdings auch nicht.

Im Sommer 1998 fragte mich Gerhard Schröder, ob ich als Staatsminister für Kultur und Medien in seiner zukünftigen Regierung mitarbeiten wolle. Ich lebte damals in New York. Über das Denkmal sprachen wir nicht. Die Debatte hatte ich seit der ersten Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs 1994 verfolgt. Die meisten Entwürfe, die ein Jahr später vorgelegt wurden – von der 100 mal 100 Meter großen Betonplatte bis zum Vorschlag, eine fiktive Omnibushaltestelle mit dem Zielort "Auschwitz" einzurichten –, galten in den Feuilletons wohl zu Recht als pompöser Denkmalkitsch. Die gewaltige Grundfläche am Berliner Tiergarten war verführerisch.

Groß war die Angst, in Berlin würde ein Schlussstrich gezogen

Für viele der heute 60-Jährigen stand die Frage "Auschwitz – wie war das nur möglich?" am Anfang der "Politisierung", wie man derlei Erwachen aus der Kindheit später nannte. Der obszöne Schock, den zum Beispiel die Lektüre des Gerstein-Protokolls einem 15- oder 16-jährigen Schüler versetzte, öffnete den ersten kritischen Blick auf den Staat der späten fünfziger Jahre. Wo steckten die Täter, wo die unmittelbar Verantwortlichen des mörderischen Rassismus? Es stellte sich heraus: Viele waren noch im Amt, in den Behörden, in Gerichten, an den Universitäten, sogar im Bundestag und im Kanzleramt, überall. Vier Jahrzehnte später waren sie aus dem öffentlichen Leben verschwunden und verzehrten, wenn sie noch lebten, ihre Pensionen. Das war die politische Urerfahrung der inzwischen viel geschmähten 68er. Dass manche von ihnen ein Gefühl prinzipieller moralischer Überlegenheit entwickeln sollten, war damals nicht abzusehen.

Sollte das Berliner Denkmal womöglich einen mächtigen Schlussstein im Bogen der Enttäuschung aller Nachgeborenen angesichts der Vergangenheitspolitik der bundesdeutschen Gründerjahre bilden? Was genau sollte "die Botschaft" für seine Betrachter sein? Es gab Fragen, doch der kämpferische Tonfall der Mahnmal-Initiative um Lea Rosh ließ im Wahljahr kaum noch Fragen zu. Sie hatte bereits alle möglichen Antworten in einer Art präventiver Rechtschaffenheit parat.

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