Auf den ersten Blick erinnert das Denkmal an die archaischen chinesischen Stelen, die vereinzelt oder in kleinen Gruppen inmitten einer weiten Landschaft aufragen. Doch während jede chinesische Stele eine Inschrift trägt, sind die Stelen des Mahnmals absolut unlesbar, riesige Seiten, die weder beschriftet noch gelesen werden können.

Im Mittelalter wurde die Erinnerung häufig mit einem Buch verglichen. Dante lässt die Vita Nuova mit folgenden Worten beginnen: "In jenem Teil des Buches meiner Erinnerung, vor welchem nur wenig zu lesen ist…" In Peter Eisenmans versteinertem Buch der Erinnerung gibt es nichts zu lesen. Wer jedoch zwischen den unterschiedlich geneigten Stelen die mal ansteigenden, mal abfallenden Wege abschreitet, spürt, dass er eine andere Dimension des Gedächtnisses betreten hat; dass er in den Seiten eines anderen Buches blättert. Während er zögert, seinen Fuß auf den aus abgeflachten Stelen bestehenden Boden zu setzen, und sein Blick sich in der Flucht der vertikalen Stelen verliert, lässt er Schritt für Schritt die Erinnerung, die aufgezeichnet und archiviert werden kann, hinter sich, um ins Unvergessliche einzutreten.

Unvergessliches und Erinnerbares sind nicht dasselbe. Eines der großen Verdienste von Eisenmans Denkmal ist es, uns daran zu erinnern, dass das wahrhaft Unvergessliche keinem Archiv anvertraut werden kann; dass sowohl im individuellen als auch im kollektiven Gedächtnis der Anteil des Unvergesslichen den des bewussten Eingedenkens bei weitem übertrifft.

Im Denkmal sind diese beiden heterogenen Dimensionen der Erinnerung topografisch unterschieden: oberirdisch die absolut unlesbaren Stelen, darunter ein Informationszentrum, das dem Lesen vorbehalten bleibt. Die immaterielle Schwelle, die diese beiden Gedächtnisse trennt, ist der eigentliche Ort des Denkmals. Sie auseinander zu halten ist deshalb so wichtig, weil sonst das schlechte Gewissen, das nichts als vergessen möchte, mit Unmengen von Erinnerungen das verdecken würde, was unvergesslich bleiben muss. Diskontinuierlich und unlesbar wie die Stelen, unterbricht das Unvergessliche immer wieder die Fiktionen des kollektiven Gedächtnisses. Und nur das Leben, nur die Gesellschaft sind gesund, in denen die Spannung zwischen dem Denkwürdigen und dem Unvergesslichen lebendig bleibt.

Von dem viel gerühmten Philosophen Giorgio Agamben ist zuletzt der Band "Profanierungen" (Suhrkamp) erschienen. Aus dem Italienischen von Andreas Hiepko