Das Buch von Götz Aly, "Hitlers Volksstaat" (S. Fischer Verlag), zählt schon jetzt zu den erfolgreichsten, aber auch umstrittensten Sachbüchern der Saison (ZEIT Nr. 11/05: Hitlers zufriedene Räuber , Nr. 15/05: Wie die Nazis ihr Volk kauften und Nr. 18/05: Stramme junge Männer in braunen Uniformen ). Seine These, das NS-Regime sei eine "Gefälligkeits-Diktatur", gar eine "Wohlfühl- Diktatur" gewesen, die sich die Zustimmung der Bevölkerung durch ein ausgefeiltes System sozialer Wohltaten erkaufte, stößt zunehmend auf Widerspruch – auch im Blick auf die Konsequenzen, die daraus von interessierter Seite für die aktuelle Sozialstaatsdebatte gezogen werden.

Das Aufsehen, das Götz Alys neues Buch Hitlers Volksstaat erregt, ist nicht allein damit zu erklären, dass es eine neue historische These zur Loyalität der deutschen Bevölkerung zum Nationalsozialismus offeriert. Es enthält darüber hinaus eine politische These zur Kontinuität des deutschen Sozialstaates, die in den Rezensionen eigentümlich unausgeleuchtet bleibt, als werde damit auch eine Unsicherheit des eigenen Selbstverständnisses berührt. Dennoch ist es gerade diese politische Behauptung, welche die Schärfe des Buches ausmacht, weshalb ich auf die gegenwartsbezogene Dimension hier eingehen möchte.

Götz Aly zieht seine These, dass sich die NS-Führung mittels gezielter "Gefälligkeiten" die Unterstützung der Bevölkerung im Krieg zu erkaufen suchte, weit aus. Unter den Stichworten "Steuermilde für die Massen" und "Steuerhärte gegen die Bourgeoisie" macht Aly, empirisch belegt durch den Mitte 1941 einmalig erhobenen Zuschlag auf die Körperschaftsteuer, die Verkaufspflicht für Aktien 1942 und die Ablösung der Hauszinssteuer 1942 die Rechnung auf, dass in erster Linie die Unternehmen und Besserverdienenden drei Viertel der innerdeutschen Kriegslasten aufgebracht hätten. Dass in dieser Rechnung die staatliche Vernichtung der Spareinlagen nicht auftaucht, die vor allem die große Masse betraf, hat bereits der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze moniert. Alys Beweisführung geht aber darüber hinaus und will zu der pointierten These führen, dass die nationalsozialistische Sozialpolitik einen "vom Egalitätsgedanken geleiteten Umbau" der Gesellschaft beabsichtigte, in dem "ein linkssozialdemokratisches Grundmuster", wie er in seiner Replik auf Hans-Ulrich Wehler in der ZEIT formulierte, zu erkennen sei.

Eine materialistisch gewendete neue Kollektivschuldthese

In der Invektive tritt ein Problem der NS-Geschichtsschreibung zutage, das nicht nur Alys Buch, dieses aber in besonderer Weise betrifft: die Nähe zur Staatsräson der Bundesrepublik. Alles, was hierzulande über den Nationalsozialismus geschrieben und gesprochen wird, ist unmittelbar rückbezogen auf die Legitimität der politischen Ordnung der Bundesrepublik, auf die Frage nach Kontinuität und Diskontinuität Nachkriegsdeutschlands. Kein anderer Bereich der Geschichtsschreibung kann sich einer so großen Öffentlichkeit sicher sein wie die NS-Historiografie, und kein anderer ist so versucht, die Bundesrepublik politisch zu interpretieren wie dieser. Bis heute wird hier nichts heftiger diskutiert als die Frage, inwieweit die bundesdeutsche Gesellschaft von der NS-Vergangenheit beeinflusst und bedroht ist, ob sie sich von ihr gelöst und sich tatsächlich mit ihr auseinander gesetzt hat.

Wenn Aly schreibt, dass nationalsozialistische Sozialpolitiker die Konturen des bundesdeutschen Rentenkonzepts entwickelten, die NS-Führung in historisch beispielloser Weise die "Mittel des modernen Sozialstaates" entfaltet habe, oder der taz gegenüber erklärt, dass die "Sozialverfassung der Bundesrepublik en detail im Nationalsozialismus vorgeprägt wurde", dann wird die politische Implikation deutlich: der Sozialstaat als System von Gefälligkeiten zur Loyalitätssicherung, der zwar nicht von Hitler erfunden, aber, so Aly, "mit Schwung weiterentwickelt" wurde und nun endlich, gewissermaßen als letzter Akt der Vergangenheitsbewältigung, abgebaut werden muss. Seine Rede zur Verleihung des Heinrich-Mann-Preises 2003 hat Aly so beendet: "Wer sich entschließt, die Ermordung der europäischen Juden als Teil einer Politik zu begreifen, die ihre Kraft aus der Gleichheitsidee bezog, der wird unweigerlich feststellen müssen, daß wir demselben Gleichheitsgedanken viele Selbstverständlichkeiten unseres Lebens verdanken. Er bedeutete und bedeutet für Millionen Europäer einen entscheidenden lebensgeschichtlichen Fortschritt – einen Fortschritt, der eben auch mit den Mitteln des Krieges, des Hasses und des Massenraubmords erreicht worden ist."

Ohne Zweifel war das NS-Regime bemüht, wie jüngst Hans-Ulrich Wehler in Band IV seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte geschildert hat, mittels sozialpolitischer Maßnahmen vor allem die Integration der Arbeiter in die "Volksgemeinschaft" zu betreiben. Die Klassenstruktur der Gesellschaft verschwand deswegen nicht, aber die Verheißung eines sozialen Aufstiegs nach Leistung, unabhängig von Schichtzugehörigkeit, band einen Großteil der Bevölkerung ein. Die nationalsozialistische Zielperspektive war jedoch keineswegs eine moderne, leistungs- und aufstiegsorientierte Individualgesellschaft freier Bürger, sondern eine rassistisch formierte "Volksgemeinschaft", die Elitebildung und Vorwärtskommen nicht nur von Leistung, sondern ebenso von biologistischen Kriterien abhängig machte. Wer abwich, zum Beispiel behinderte Kinder gebar, als "asozial", "arbeitsscheu" oder homosexuell galt, erfuhr sehr rasch und gnadenlos die Grenzen der "Gefälligkeitsdiktatur". Insbesondere die Ermordung von Behinderten und Kranken, die von den Nationalsozialisten als "erbbiologisch minderwertig" definiert wurden, zeigt, wie unangemessen und fehlleitend die Gleichsetzung des NS-Regimes mit dem "modernen Sozialstaat" ist.

Hier liegt ein grundsätzliches Missverständnis von Gleichheit und Homogenität, von politischer und sozialer Gleichheit vor. Modernisierung wird mit Moderne verwechselt, Rationalität mit Vernunft. Die bürgerliche Forderung nach Gleichheit, wie sie in den Schriften von Thomas Jefferson, John Locke oder Condorcet nachzulesen ist, meint mitnichten die Egalisierung von materiellen Verhältnissen, sondern ganz im Gegenteil die Anerkennung der naturrechtlichen Gleichheit der Menschen, deren pursuit of happiness nun nicht mehr von irgendwelchen Privilegien abhängig sein sollte. Paradox formuliert, soll die Gleichheit der Menschen dazu führen, dass sie ihre Ungleichheit entwickeln können. Die Vorstellung andererseits, deren Herkunft von Aristoteles und Thomas von Aquin vielleicht noch einmal hervorgehoben zu werden verdient, die politische Ordnung diene dazu, das bonum commune, das gemeine Wohl, zu garantieren, hat wiederum nichts mit der Einschränkung persönlicher Freiheit zu tun. Politische und soziale Gleichheit sind keineswegs identisch oder gegenseitig zu ersetzen, sondern auf komplexe Weise aufeinander bezogen.