Debatte Vertrautes RessentimentSeite 2/2

Seit deutlich wurde, dass die Moderne zwar dem politischen Bürgerrecht Geltung verschaffte, aber soziale Ungleichheiten durchaus nicht beseitigte, wird das Spannungsverhältnis von sozialer und politischer Gleichheit immer wieder diskutiert. Das urliberale Versprechen, dass es allein genügen würde, politische Gleichheitsverhältnisse zu schaffen, damit die Menschen sich frei und sozial entwickeln könnten, ist ebenso zerstoben wie das kommunistische Projekt, dass erst erzwungenes soziales Gleichmaß die Freiheit freisetzen würde. Das Problem jedoch, wie sich die politische Gleichheit der Bürger, die dem modernen bürgerlichen Rechtsstaat zugrunde liegt, mit der Tatsache sozialer Ungleichheit verbinden lässt, bleibt bestehen. Nicht zuletzt haben Sozialdemokraten immer wieder darüber nachgedacht, dass Freiheit und Sozialismus keine Gegensätze sein müssen. Die Diskussion sozialdemokratischer Rechtstheoretiker wie Hermann Heller, Franz Neumann oder Ernst Fraenkel in den zwanziger Jahren über eine Sozialverfassung der Weimarer Republik rührt von ebendiesem Spannungsverhältnis zwischen politischer und sozialer Gleichheitsforderung her, ebenso wie das Konzept des modernen Sozialstaates den Versuch darstellt, dieses Problem auf rechtsstaatliche und demokratische Weise zu lösen.

Das nationalsozialistische Konzept einer »Volksgemeinschaft« hingegen hat sich nie um politische Gleichheit und Freiheit gekümmert. Die Verfasstheit der politischen Gemeinschaft war strikt autoritär und rassisch definiert. Weder politische Bürgerrechte noch individuelle Freiheitsrechte hatten im NS-Regime Platz, soziale Gleichheit hieß im Nationalsozialismus stets rassenbiologische Homogenität. Die Ineinssetzung, die Aly nun vornimmt, offenbart nicht nur einen Mangel an Unterscheidungsvermögen, sondern ist auch antibürgerlich. Wer behauptet, die nationalsozialistische Volksgemeinschaftspolitik sei, wenn nicht in ihren Mitteln, so doch in ihren Zielen mit dem modernen Sozialstaat identisch, steht mit einer solch denunziatorischen Kritik der Moderne denen, die er zu kritisieren glaubt, näher, als er denkt.

Vielleicht liegt das Problem sogar weniger in Alys Buch selbst als in dem immensen öffentlichen Zuspruch, den es erfährt. Die Ächtung des Sozialstaates wird von einer Generation mit Applaus bedacht, die vormals das Großkapital als Urheber des Faschismus betrachtete und nun – desillusioniert, aber ohne auf den Ökonomismus zu verzichten – die Massen und deren materielle Interessen für den Nationalsozialismus und den Holocaust verantwortlich macht. Nach wie vor gefangen in der Führer-Massen-Dichotomie, die vormals die Selbststilisierung zur Avantgarde des Volkes gerechtfertigt hatte, richtet sich der Vorwurf nun erneut an die Massen in einer gewissermaßen historisch-materialistisch gewendeten Kollektivschuldthese. Folgerichtig lebt jener wissenschaftlich längst überwunden geglaubte Reduktionismus wieder auf, dem zufolge Menschen bloße Agenten ihrer Interessen, hier ihrer Konsumwünsche, seien. Von modernen komplexen handlungstheoretischen Akteurskonzepten, die seit etlichen Jahren in der Sozialforschung diskutiert werden, ist diese simplifizierende Vorstellung weit entfernt.

Am Ende bleibt das Vorurteil, dass der Bauch den Geist regiert

In der verkürzten Auffassung von Gleichheit offenbart sich die erstaunliche Abwesenheit eines emphatischen Begriffs von Freiheit. Wer die bürgerliche Forderung nach Egalité nur als Programm sozialer Gleichheit wahrnimmt, zeigt, welch geringe Rolle in seinem Denken politische Freiheit spielt. Das moderne Konzept des Sozialstaates, auch und gerade in seiner sozialdemokratischen Variante, ist untrennbar verknüpft mit liberalen Freiheitsrechten seiner Bürger.

Dass Götz Aly mit seiner Volksstaatsthese derart viel Zustimmung erhält, lässt auf das Ausmaß der Orientierungskrise schließen, in der sich die Bundesrepublik im Umbau ihrer Wohlfahrtsstaatlichkeit und Neudefinition ihres politischen Selbstverständnisses befindet. In einer Situation, in der offenbar so vielen, erschöpft vom konzeptlosen Pragmatismus der letzten Jahre, jede Idee für das Soziale abhanden gekommen ist, entlastet das Buch von Aly ungemein, weil es ratlos gewordenen Intellektuellen über die irritierenden Fragen nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit hinweghilft und stattdessen im vertrauten Ressentiment bestätigt, dass der Bauch den Geist regiert und die plebejischen Massen, mit Wohltaten gefüttert, über Leichen gehen. Vor der normativen Herausforderung, das Soziale neu und vor allem freiheitlich zu denken, flüchten sich diese linken Konvertiten in den bedenkenlosen Neoliberalismus. In Hitlers Volksstaat, so steht zu befürchten, spiegelt sich das Elend jenes Teils einer Generation, der sich nie mit seiner eigenen totalitären Versuchung auseinander gesetzt hat und dem darum heute als Begriff von Freiheit nur noch die Entfesselung des Marktes einfällt.

Michael Wildt ist Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und Professor für Neuere Geschichte in Hannover. Er schrieb das Standardwerk über das Reichssicherheitshauptamt »Die Generation des Unbedingten« (2002). Eine ausführlichere Fassung seines Beitrags wird in der Zeitschrift »Mittelweg 36« (Heft 3) erscheinen

 
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