BUCH IM GESPRÄCH Ein Ort schmerzlichen Gedenkens

Um das Holocaust-Mahnmal, das am 10. Mai der Öffentlichkeit übergeben wird, hat es in der Vergangenheit erbitterte Auseinandersetzungen gegeben – vor allem deshalb, weil Befürworter und Gegner über die Frage stritten, »wer« baut »wem« zu »welchem Zweck« ein Mahn-/Denkmal. Wäre dieser Fragenkomplex vor der Entscheidung des Bundestages, das Mahnmal zu errichten, klar und eindeutig formuliert worden, dann hätte man manche Missverständnisse bereits früh aus der Welt räumen können. Das wollte man nicht, vielleicht konnte man es auch nicht.

In dem lesenswerten Buch von Claus Leggewie und Erik Meyer werden noch einmal die Positionen in diesem Streit skizziert und die Stationen des Weges nachgezeichnet, der zu der Entscheidung des Bundestages führte, ein Mahn-/ Denkmal für die ermordeten europäischen Juden in Berlin zu errichten. Nach Ansicht der Autoren ist diese über mehr als zehn Jahre währende und in Teilen quälende Debatte eine Nahaufnahme der Bundesrepublik, die gern »ein ganz normaler Staat wäre – und ganz genau weiß, dass sie das nicht werden kann«.

Anzeige

Bundeskanzler Schröder wünscht sich, dass das Berliner Mahnmal künftig ein Ort sein möge, zu dem die Menschen »gerne« hingehen. Die Formulierung des Kanzlers, die Leggewie und Meyer zu ihrem Buchtitel anregte, wirft Fragen auf: Wieso soll ein Ort des schmerzlichen Gedenkens eigentlich ein Ort sein, zu dem man gerne hingeht? Der Ort, auf dem die Eisenman-Stelen stehen, wird ein schwieriger Ort sein. Besucher werden in Scharen kommen, aber es ist nicht gesagt, dass sie deshalb in Besichtigungsbussen vorfahren, weil sie der Ermordeten gedenken wollen. Sie werden kommen, weil das Mahnmal eine Berliner Touristenattraktion sein wird.

Um die Befindlichkeiten zu verstehen, die mit dem Berliner Projekt zusammenhängen, sollte man dieses Buch zur Hand nehmen und die Einwände noch einmal nachlesen, die dagegen vorgebracht wurden und noch vorgebracht werden. Eine der zentralen Fragen ist nach wie vor die, ob es legitim sei, ein »nationales« Denkmal für die Opfer der eigenen verbrecherischen Politik zu setzen. Ist das Mahnmal nicht, so konnte man seitens einiger Kritiker hören, ein Bruch mit der gesamten Tradition staatlichen Gedenkens und seiner ikonografischen Formensprache?

»Ein Ort, an den man gerne geht«Politisches BuchDas Holocaust-Mahnmal und die Geschichtspolitik nach 1989Claus Leggewie/Erik MeyerBuchC. Hanser Verlag2005München23,50397
 
Service