Das Pentagon betont gerne die Stärken und Qualitäten der amerikanischen Streitkräfte. Um so ungewöhnlicher ist die Deutlichkeit, mit der das Verteidigungsministerium nun seine Schwächen einräumte. In einem geheimen Bericht an den Kongress sagte US-Generalstabschef Richard Myers, die Fähigkeiten des Militärs seien stark beeinträchtigt worden. Die Dauereinsätze in Afghanistan und Irak haben ihre Spuren hinterlassen: Myers zufolge würden weitere Interventionen in Krisengebieten momentan voraussichtlich mehr Zeit erfordern und zu einer höheren Opferzahl führen als dies sonst der Fall wäre.

Ein Problem der Streitkräfte ist die rückläufige Zahl der Soldaten. Im April dieses Jahres wurde das Rekrutierungsziel der Armee um vierzig Prozent verfehlt und liegt somit bereits sechzehn Prozent hinter den Vorgaben des laufenden Fiskaljahres (Beginn am 1. Oktober). Dementsprechend sind die Reserven, die etwa vierzig Prozent der 135.000 im Irak stationierten Soldaten ausmachen, bereits stark strapaziert.

Der Grund, weshalb viele junge Amerikaner zögern, der Army beizutreten, liegt auf der Hand: Die Gefahr, in den Irak versetzt zu werden ist hoch. Viele, die bereits Soldaten sind, versuchen mit verzweifelten Tricks, einer Versetzung in den Irak zu entfliehen. Die Militärzeitung Army Times berichtete neulich von gezielter Drogeneinnahme vor Tauglichkeitstests, gewollten Schwangerschaften und sogar Fällen von Selbstverstümmelung. Nicht nur die moralische Stimmung innerhalb der Armee sinkt zunehmend weiter; auch im amerikanischen Volk steigen Unmut und Ablehnung gegenüber dem nicht enden wollenden Irak-Einsatz.

Besonders schwer ist die Situation für diejenigen, die seit Monaten im Irak stationiert sind. Wie schon während des Vietnam-Krieges leiden viele unter dem enormen psychologischen Druck. Traumatische Erlebnisse, die Grausamkeiten des Krieges und Heimweh führen oft zu Depressionen, Angstzuständen und Albträumen. Jeder sechste Heimkehrer aus dem Irak leidet unter "Posttraumatischen Stresssymptomen", auch bekannt als "Veteranenkrankheit". Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass die Zahl der Suizide unter der stationierten GIs außergewöhnlich hoch ist. Mindestens dreißig Selbstmorde musste die Heeresleitung bereits verzeichnen, berichten Medien.

Im Zuge solcher psychologischer Probleme sinkt auch der Kampfgeist einer Truppe. Amphetamine heißt das Zauberwort, um diesem Verfall Einhalt zu gebieten. Während bei der deutschen Luftwaffe ebenso wie bei Verkehrspiloten die Einnahme von Drogen ein sofortiges Flugverbot mit sich führen würde, ist es bei der US-Army genau umgekehrt: Kampfpiloten, die sich weigern, vor einem Einsatz sogenannte "Go-Pills", im Volksmund auch als "Speed" bekannt, einzunehmen, kann die Starterlaubnis entzogen werden. Die Flieger unterzeichnen vor der Drogeneinnahme zwar eine freiwillige Einverständniserklärung, doch ist fraglich, wie frei die Entscheidung tatsächlich ist, wenn sie an ein mögliches Startverbot gekoppelt wird. Der schottische Autor Jamie Doran untersuchte dieses Phänomen und interviewte für eine Fernsehdokumentation Piloten der US Air Force sowie den Special Forces. Angst und Müdigkeit bei einem Kampfeinsatz können fatale Folgen haben. Genau mit dieser Gefahr begründet das Pentagon die gezielte Einnahme von Amphetaminen. Die Pillen würden den Piloten helfen, sicher nach Hause zu gelangen, erklärt das Verteidigungsministerium auf seiner Homepage.

Alle vier Stunden nehmen die Piloten Dexedrin, wie das Mittel in der Fachsprache heißt, und steigern so Kampfgeist und Durchhaltevermögen auf den teilweise recht langen Flügen. Die Pillen haben jedoch noch andere Wirkungen, die nicht zu unterschätzen sind: Bluthochdruck, Herzrasen, Selbstüberschätzung, Depressionen sowie halluzinogene und euphorisierende Zustände können ebenso wie Aggressivität und Übelkeit die Folge sein. Ein US-Kampfpilot berichtet in dem Filmbeitrag von Doran über ein Erlebnis bei einer Tankübung: "Ich konnte einfach nicht wach bleiben, trotz aller Versuche. Also nahm ich eine Pille, um aufzuwachen, und als das nicht sofort half – vielleicht dreißig Sekunden später – nahm ich noch eine. Und dann war ich für die nächsten fünfzehn Stunden voll abgefahren. Ich tanzte im Cockpit und sang." Für einen guten Schlaf nach einem solchen Einsatz sorgen Sedativa, sogenannte "No-Go-Pills", die ein starkes Schlafmittel enthalten.

Dass Kampfpiloten, die mit einem Knopfdruck über Leben und Tod entscheiden, im berauschten Zustand eine Gefahr darstellen können, ist schwer von der Hand zu weisen. Kritiker der Drogenvergabe führen deshalb die enorm hohe Zahl der so genannten  Kollateralschäden im Irak, auch bekannt als " friendly fire ", auf diese Praxis zurück, während das Pentagon eine derartige Verbindung von sich weist.