Die hässliche Heuschrecke grinst penetrant. Am dürren Leib trägt sie einen Nadelstreifenanzug, in den Augäpfeln strahlen Dollar-Zeichen, im Gebiss blinkt ein Goldzahn. Am auffälligsten ist der Hut in der Hand: Er ist mit Stars and Stripes bedruckt, die Heuschrecke grüßt mit dem Zylinder wie Uncle Sam. "US-Firmen in Deutschland – Die Aussauger" steht daneben. All das prangt auf der Titelseite von Metall, Deutschlands meistgelesener Gewerkschaftszeitschrift (Auflage: gut zwei Millionen Exemplare). Bei den Metallern ist die von SPD-Parteichef Franz Müntefering losgetretene Kapitalismus- Debatte pünktlich zum ersten Mai in platten Antiamerikanismus umgeschlagen.

Genau drei Wochen sind vergangenen, seit Müntefering begann, öffentlich vor den demokratiefeindlichen, seinen Worten nach sogar "asozialen" Wirkungen des Kapitalismus zu warnen. Nun droht die Debatte zu entgleiten. Nicht nur die IG Metall trägt dazu bei, auch Wirtschaftsvertreter und einige Zeitungen vergreifen sich im Ton. Die Welt am Sonntag trieb es besonders toll. Nachdem die SPD-Fraktion in einem internen Papier internationale Investoren namentlich benannte, warf sie Müntefering allen Ernstes antisemitische Stimmungsmache gegen "jüdische Finanziers" sowie einen "nationalen Sozialismus" vor, und ergänzte dies noch um die alberne Behauptung, der Parteichef leite "eine Politik der Deindustrialisierung" ein, die zur "Rückkehr in den Agrarstaat" führen könne. So weit, so absurd.

Anlass dafür war ein eher unscheinbares dreiseitiges Papier aus der Planungsgruppe der SPD-Bundestagsfraktion, in Eile angefertigt als Argumentationshilfe für verunsicherte sozialdemokratische Wahlkämpfer. "Informationen und Argumente" steht in der Dachzeile – dann folgen im Wesentlichen Auszüge aus Zeitungsartikeln über die Arbeit verschiedener Private-Equity-Gesellschaften. "Da hat ein Referent mal drei Stunden gegoogelt", erzählt ein Fraktionsmitarbeiter. Das Ergebnis wurde vergangene Woche ins Intranet gestellt. Müntefering habe von dem Papier nichts gewusst, heißt es.

Wirtschaftsminister Wolfgang Clement allerdings muss davon erfahren haben. Es gebe da "so eine Liste", erzählte er beiläufig vor der Bundespressekonferenz. Einige Journalisten bekamen das Papier und stutzten, weil eine ganze Reihe von Unternehmen namentlich genannt wird. Und was für welche: Die Carlyle Group zum Beispiel wird ausdrücklich erwähnt, mit mehr als zwölf Milliarden Dollar Kapital einer der größten professionellen Anleger überhaupt und in der linken Szene bekannt auch durch den jüngsten Film von Michael Moore. Der Filmemacher berichtete über die Nähe des Finanzriesen zur US-Rüstungsindustrie und über George Bush Senior, der bis 2003 bei Carlyle "Senior Advisor" war. Zu den deutschen Beratern gehört Michael Rogowski, bis vor kurzem Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. "Ohne Vertrag", wie er betont, helfe er Carlyle "gelegentlich bei der Anbahnung von Kontakten – weil ich überzeugt bin, dass solche Firmen sehr viel mehr Nutzen stiften, als sie Schaden anrichten".

Die Verantwortlichen in der SPD-Parteizentrale wie im Kanzleramt würden die Aufregung über das Fraktionspapier nicht weiter ernst nehmen, wäre die Unsicherheit über die Folgen von Münteferings Vorstößen nicht allerorten groß. Noch weiß niemand genau, wie die Debatte auf den nordrhein-westfälischen Wahlkampf wirkt – und an wen sich im Fall einer Niederlage nach dem 22. Mai die meisten Schuldzuweisungen richten werden. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement fürchtet harten Gegenwind, vor allem deshalb war er lange still. Im Umfeld des Kanzlers sieht man, dass Müntefering durch seine Debatte automatisch auch Verantwortung für den Wahlausgang auf sich zieht. Und die Parteilinke drängt auf Taten: Andernfalls drohe bald die nächste Austrittswelle, hieß es am Montag im Parteirat.

Offiziell ist der SPD die "Argumentationshilfe" – von einer "Liste" will niemand sprechen – mittlerweile peinlich. Aber so kann es kommen, wenn man im Wahlkampf alte Feindbilder beschwört: Franz Müntefering wollte sich eigentlich nur mit dem internationalen Kapital anlegen, dann kamen die Springer-Medien noch dazu. Vielleicht wäre deren Schelte zahmer ausgefallen, wenn man dort das umstrittene Papier genau gelesen hätten. Dort wird nämliche keine andere Zeitung so häufig zitiert wie ausgerechnet die Schwesterzeitung Die Welt.