Wer an der Côte d’Azur ein Zimmer mit Aussicht nach Süden gebucht hat, für den beginnt die blaue Stunde schon am Morgen. Vorhang auf. Naturtheater. Von links schiebt sich die Sonne ins Bühnenbild und strahlt vor königsblauem Himmel. Der tönt sogleich das Meer. Und aus dem Dunst am Horizont kriechen, weich gezeichnet und lang gestreckt wie faule Blaubären, die Glimmerschieferfelsen der drei Hyèrischen Inseln, nach dem nahe gelegenen Traditionsbad Hyères benannt. Alles ganz schön blau, umweht von einer milden Brise aus Afrika – so protzt der April im Midi.

Ein kurzer Schwenk nach Norden, die schmale Küstenstraße hinauf. Da schlägt die Farbe um in mattes, sattes oder silbriges Grün, wenn der Gast ins Chlorophyll des Gartenreichs eintaucht, das zwischen Hyères und Saint-Tropez vor dem Massif des Maures steil zum Meer abfällt: Le Domaine du Rayol. Über Trampelpfade, die ab und zu die asphaltierten Serpentinen der Hauptwege kreuzen, treibt man auf einer halben Tagesreise durch die weite Welt. Hoch am Hang klebt Mexiko: Säulenkakteen, Agaven und Palmlilien – strack und stachelig – werfen gedrungene Schatten im harten Mittagslicht. Direkt daneben, am Kopf der 93 Meter langen Freitreppe, die diesen Minikosmos als Sichtachse wie ein Scheitel spaltet, thront Südafrika. Da breiten sich Strelitzien und fleischige Kapland-Aloen aus, grundiert von einem süßlich duftenden Teppich verwilderter Freesien. Ob Australien, Neuseeland, Chile oder Kalifornien – florale Botschafter aus allen Gebieten mit Mittelmeerklima haben in diesem Mosaik der Artenvielfalt Wurzeln geschlagen. Manche in wolligen Haarkleidern mit Verdunstungsschutz, andere in wehrhafter Dornenrüstung.

Der Michelin hat das Gelände hinter Oleanderhecken und Aleppo-Kiefern mit zwei Sternen und dem Prädikat "lohnender Umweg" ausgezeichnet. Bäcker, Krämer, Hoteliers und Fischsuppenköche aus dem 700-Seelen-Dorf Le Rayol und Umgebung verdanken ihm das ganze Jahr hindurch geregelte Tagesgeschäfte und sorglosen Nachtschlaf. Denn ein Tourist mit Gärtnerherz nimmt auch außerhalb der Hochsaison Quartier. 2004 lockte der fünf Hektar große Park inmitten des 20 Hektar umfassenden Naturschutzgebiets 50000 Besucher an. Trotzdem gehört er zu den letzten Ruhepolen in der verkehrsverseuchten Zone zwischen Marseille und Nizza.

Ein verlorenes Paradies für Immobilienmakler und Spekulanten: Das Areal an der zerklüfteten Felsküste befindet sich seit 1989 im Besitz des Staates, der 20 Millionen Franc (etwa 7 Millionen Mark) in die Gestaltung des Terrains investierte. Seither sorgt die Küstenschutzbehörde für die Erhaltung dieses Fleckens unversehrter Natur. Hier hat das Große Löwenmaul über die gefräßigen Baulöwen triumphiert. "Die Domaine du Rayol gleicht einem Fenster im Beton, durch das die Natur hineinwächst", sagt Jean-Michel Battin, der 34-jährige Chefgärtner. Unter Anleitung des Landschaftsarchitekten Gilles Clément und des Botanikers François Macquart-Moulin trug er Ende der achtziger Jahre dazu bei, die mehr als 20 Jahren verwaiste und verwahrloste Fläche, in ein weltweit einmaliges Experimentierfeld zu verwandeln.

Der gelernte Tischler Battin aus dem rauen Jura, der eigentlich nur zur Ableistung seines Ersatzdienstes ins besonnte Departement Var aufgebrochen war, entflammte für Gilles Cléments kühnes Konzept vom "planetarischen Garten", einem System "ohne vorgegebene Lebenszeit, ohne Grenzen, genährt durch die Träume von Gärtnern und ständig neu gestaltet von den wechselnden Bedingungen der Natur". Auf überschaubarem Raum wurden in Le Rayol die verschiedenen mediterranen Landschaften zusammengelegt wie die ineinander übergehenden Zimmerfluchten eines Hauses. Und Jean-Michel Battin, im Umsehen zum Spezialisten für diese globale Idee gereift, blieb dort, wo Neuseeland, Chile und Kalifornien enge Nachbarn sind: in seiner grün-blau eingefärbten zweiten Heimat. Zuverlässig wie ein Herbergsvater wacht er über die vom Mistral gepeitschten Pinien, kanarischen Drachenbäume und Yuccas aus Mittelamerika – während der prominente Planer Clément zur Verwirklichung neuer Projekte längst nach Paris, Lausanne und Soweto entschwunden ist.

"Eigentlich sind mir Gärten ein Gräuel", sagt Battin. "Ich bin kein Pflanzendompteur, sondern in erster Linie Naturkundler. Doch gerade deshalb ist die Domaine du Rayol mein Revier. Hier wird kein Gift gespritzt und selbst nach drei Dürrejahren kaum bewässert. Hier wird kein Unkraut gejätet, weil es Unkraut in Wirklichkeit gar nicht gibt. Ein selbst ausgesätes Samenkorn der mediterranen Vegetation darf bei uns keimen, wo es kann." Mit Händen groß wie Feigenblättern teilt der drahtige Gärtner gestikulierend die Luft, erläutert wortreich die Theorie vom "Garten in Bewegung", die Gilles Clément seiner planetarischen Kreation zugrunde legte. Die verheißt Befreiung durch Verzicht auf starre Pflanzpläne und plädiert für dynamische Gestaltung: Reglementierung verboten, natürliches Wachstum und Experimentierfreudigkeit erwünscht.

In verstaubten Siebenmeilenstiefeln mit stahlverstärkten Schutzkappen führt Battin durch das frühere Herrenhaus Hôtel de la Mer, über das Parkett, das bei den Sommerfesten der Belle Epoque als Tanzboden diente. 1909 erkor der Geschäftsmann Alfred-Théodore Courmes den Prunkbau im Zuckerbäckerstil zum Altersruhesitz, bevor er wenig später an den Ostrand seines Riesenanwesens in das kleinere Art-déco-Gebäude Le Rayollet hoch über den Klippen umzog. Obst- und Gemüsegärten, Korkeichen und Kastanien, eine Pergola nach antikem Muster und ein rustikales Wirtschaftsgebäude bestimmten damals die Szenerie.

Erst als der Flugzeugbauer Henry Potez von 1940 bis in die sechziger Jahre die Regie auf dem Grundstück übernahm, erblühte der Garten in verschwenderischer Pracht. Exotische Gewächse, die damals in Mode waren und inzwischen das Landschaftsbild der Côte weitläufig prägen, wurden importiert und nach Lust und Laune eingepflanzt. Eukalypten und Mimosen aus Australien, Agaven aus Mittelamerika. Die Globalisierungssehnsucht des Transplantationsexperten Potez kannte keine Grenzen – Jahrzehnte bevor Cléments systematisch arrangierter planetarischer Garten entstand. Zehn Gärtner schwangen Spaten, Grubber und Sauzahn, versenkten etwa 400 verschiedene Pflanzenarten in der stickstoffarmen Scholle. Doch obwohl Battin heute mit vier Helfern auskommen muss, bereicherte er den Schmelztiegel von chilenischen Ananasgewächsen und Zickzackbambus, südafrikanischen Katrou-Akazien und Artischocken-Schillerbäumen um weitere 1100 Sorten mit lanzettlichen, gefiederten oder schildartigen Blättern, mit panterfleckigen, gebänderten und marmorierten Blüten.