Künftige Historiker, bemerkte der britische Geheimdienstmann und spätere Oxford-Historiker Hugh Trevor-Roper wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, würden vielleicht einmal in Albert Speer »den wirklichen Verbrecher Nazi-Deutschlands« erkennen. Die Prophezeiung scheint sich zu erfüllen. In den letzten Jahren hat die historische Forschung ein belastendes Dokument nach dem anderen ausgegraben. Sie zeigen: Hitlers Architekt und mächtiger Rüstungsminister spielte nicht nur bei der Vertreibung der Berliner Juden aus ihren Wohnungen und ihrer Deportation in die Vernichtungslager, sondern auch beim Ausbau des KZ-Systems und dem Einsatz der Zwangsarbeiter eine maßgebliche Rolle. Hätten die Richter des Nürnberger Tribunals bereits gewusst, was wir heute wissen, so wäre Speer mit Sicherheit gehängt worden.

Dennoch hat sich in der Öffentlichkeit hartnäckig ein anderes Bild Speers gehalten: das des Künstlers und Nichtpolitikers, der zeitweilig den »teuflischen Verführungskünsten« Hitlers erlegen, seit Herbst 1944 aber auf Distanz zum Diktator gegangen sei und Kopf und Kragen riskiert habe, um dessen blindwütige Zerstörungsbefehle zu hintertreiben; und der sich nach 1945 als Einziger unter den ranghohen Naziführern reumütig gezeigt, zugleich aber auch glaubwürdig beteuert habe, vom Mord an den europäischen Juden nichts gewusst zu haben.

Die Erfindung dieser Legende war zuallererst das Werk eines Mannes – Speers selber. Doch fand er nach seiner Entlassung aus 20-jähriger Haft in Spandau zwei eifrige Helfer in Gestalt des Verlegers Wolf Jobst Siedler und des Publizisten und späteren FAZ- Herausgebers Joachim Fest.

Bereits unmittelbar nach seiner Verhaftung Ende Mai 1945 hatte Speer damit begonnen, seinen Anteil an den Verbrechen systematisch zu verschleiern. Einer Aufzeichnung der Verhöre, die U. S. Captain Hoeffding im Sommer 1945 auf Schloss Kransberg im Taunus mit ihm führte, fügte er die Vorbemerkung hinzu: »Eigene Tätigkeit unpolitisch, d.h. nicht weltanschaulich. Zunächst als Architekt, und später auch als Minister.« Damit war die Verteidigungsstrategie umrissen, die ihm in Nürnberg das Leben rettete: Er stilisierte sich zum unpolitischen Fachmann, der sich mit den vulgären Fanatikern nicht gemein gemacht hatte; und er gab sich als Geläuterter, der sich zu seiner Verantwortung bekannte, ohne seine persönliche Beteiligung an den Massenverbrechen des Regimes einzugestehen.

Er prägte nicht nur sein eigenes Bild, sondern auch das Hitlers

In der Spandauer Zelle setzte er die Legendenfabrikation entschlossen fort. Auf Tausenden von Zetteln schrieb er seine Erinnerungen nieder; sie wurden als Kassiber aus dem Gefängnis geschmuggelt – zu seinem Freund und ehemaligen Mitarbeiter Rudolf Wolters nach Coesfeld, der die Manuskripte abtippen ließ. Es lag also bereits ein Rohentwurf der Memoiren vor, als Speer Ende September 1966 wieder auf freien Fuß kam, und es gab auch schon einen Interessenten für eine Publikation: Wolf Jobst Siedler, damals Leiter der Ullstein-Verlagsgruppe in West-Berlin. Rasch wurde der Vertrag geschlossen, und Siedler engagierte als Berater Joachim Fest, seinerzeit Chefredakteur beim Norddeutschen Rundfunk. Empfohlen hatte sich Fest durch eine Porträtskizze (in seinem Buch Das Gesicht des Dritten Reiches 1963), in der er Speer als »Typus des spezialistisch verengten Menschen und dessen technokratische Amoral« charakterisierte – eine Deutung, die dem Selbstbild, das Speer von sich entworfen hatte, entsprach. Der schreibgewandte Journalist trug sich damals mit dem Gedanken, eine Hitler-Biografie zu verfassen, und da kam ihm mit Speer ein Mann aus der engsten Umgebung des Diktators gerade recht.