Christoph Amend:

Das Unbehagen fängt schon mit der Frage an. Man möchte am liebsten rufen: Ja, warum soll man uns Deutschen nicht trauen? Man meint, das Zischen einer Peitsche zu hören, mit der wir uns auf den Rücken schlagen. Aber dann denkt man: Darf man das sagen, ohne in eine Ecke gestellt zu werden mit jenen entsetzlichen Verharmlosern, die uns einreden wollen, am besten setzten wir uns mit unserer Vergangenheit auseinander, indem wir uns möglichst wenig damit konfrontieren lassen?

Als ob es darum ginge! Es ist gut, es ist richtig, aus Anlass des 60. Jahrestages ihres Niedergangs an die NS-Diktatur zu erinnern. Das Erschrecken darüber ist nach jedem Artikel, jedem Fernsehfilm noch da, und es ist aufrichtig. Was furchtbar nervt, ist die permanente Relativierung der Verbrechen durch geradezu absurde Bezüge. Die Erinnerung ist noch frisch daran, wie an der Schule die bevorstehende Vereinigung beider deutschen Staaten als imperiale Gefahr beschrieben wurde: Klassenkameraden, sogar einige Lehrer beteiligten sich an Demonstrationen unter der Losung: "Nie wieder Deutschland!"

Vor allem ältere Deutsche sprechen bis heute davon, dass wir gefährdet blieben. Man kann das verstehen: Sie haben erfahren, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist. Sie sperrten ihre Gefühle weg, um nie wieder in Pathos-Nähe zu geraten. Ihre Kinder, die 68er, wiederum haben erfahren, wie schnell man einer totalitären Ideologie verfallen kann. Sie haben erlebt, wie aus ihrer Mitte heraus Terrorismus entstanden ist.

Doch wir leben heute in einem Land, das im Westen auf fast 60 Jahre Demokratie zurückblickt. Rechts- und Linksradikalismus haben bei der Mehrheit keine Chance. Der Antisemitismus ist nicht stärker als in vergleichbaren Ländern. In Deutschland ist unvorstellbar, was im ehemals faschistischen Italien Alltag ist: Die postfaschistische Partei stellt dort den Vizeministerpräsidenten, der Regierungschef nannte Mussolini einen "gutmütigen Diktator". Hierzulande hingegen kann sich niemand offen oder verdeckt antisemitisch äußern, ohne geächtet zu werden.

Wir gelten heute auf angenehme Art als langweilig, weil man sich weder vor uns noch weil man um uns fürchten muss. Wir müssen feststellen, dass die Welt auf die boomenden Länder China oder Indien schaut oder sich mit Russland beschäftigt. Dabei hätten wir es ganz gern, wenn wir dem einflussreichsten Nachrichtenmagazin der Welt, dem Economist, mal wieder eine Titelgeschichte wert wären. (Aber nur, wenn die sich nicht mit unserer wirtschaftlichen Misere beschäftigt.)

Zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie war zum ersten Mal ein Bundeskanzler eingeladen. Spätestens an diesem Tag, schreibt Eckhard Fuhr in seinem Buch Wo wir uns finden, war der Krieg aus. Selbst Papst können wir ganz selbstverständlich werden auf unserem "langen Weg nach Westen", von dem Heinrich August Winkler schrieb.

So merkwürdig wir uns manchmal verhalten, wenn wir gleichzeitig Wohlstand genießen und den Kapitalismus verdammen oder wenn wir die Sicherheit der Freiheit vorziehen, sind wir doch ein Land, von dem keine Gefahr ausgeht. Und eines, das immer seltener vor sich selbst wegläuft. Als Bundespräsident Horst Köhler sagte: "Ich liebe unser Land", protestierten nicht einmal diejenigen, die so nie denken würden. Dem Mann kann man einfach keinen Nationalismus unterstellen. Er beschreibt ein verändertes Geschichtsgefühl, so wie Richard von Weizsäcker, als er 1985 vom 8. Mai als "Tag der Befreiung" sprach; ein Gefühl, das von mehr Deutschen als vor zehn oder zwanzig Jahren geteilt wird. Das hat auch biografische Gründe. Bei den heute unter 30-Jährigen fällt oft der Satz: "Als die Mauer fiel, war ich…" 1989 ist ihr prägendes politisches Erlebnis.