gedenken 8. mai Kann man den Deutschen trauen?Seite 3/3

Dort sitzt es aber nicht. Die staatlichen Institutionen der Bundesrepublik sind vielleicht das Einzige, das wirklich und verlässlich entnazifiziert worden ist. Selbst deutsches Militär lässt sich nur mehr schlecht beargwöhnen, seit es ein feierliches Rekrutengelöbnis am Jahrestag des 20. Julis angesetzt hat. Die Demonstranten, die dagegen protestieren, beweisen nur ihre ideologische Verblendung, vielleicht auch einen unbewussten Willen zur Ablenkung von dem Ort, an dem sich das nationalsozialistische Erbe versteckt.

Es steckt im gereizten Kern der Gesellschaft. Es steckt in den Aufpassern, den Liebhabern des Verbietens und Strafens, den hysterischen Beobachtern jeder Abweichung. Es steckt im autoritären Charakter, wie ihn Erich Fromm beschrieben hat. Es steckt in dem Nachbarn, der die Kehrwoche kontrolliert, in dem Passanten, der den Falschparker anzeigt, ohne behindert worden zu sein, in der Mutter, die anderen Müttern am Spielplatz Vorhaltungen macht. Es steckt, mit einem Wort, in dem guten Bürger, der seine eifernde Intoleranz auf Befragen wahrscheinlich als zivilgesellschaftliches Engagement ausgeben würde.

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Es ist nämlich nicht so, dass die 1945 heimatlos gewordene Sehnsucht nach der Volksgemeinschaft vor der Unmöglichkeit ihrer neuerlichen Umsetzung resigniert hätte. Sie hat sich vielmehr aus der Politik in den privaten Terror zurückgezogen. Sie inspiziert die Treppenhäuser, sie kontrolliert die Kleidung des Büronachbarn, sie missbilligt abweichendes Konsumverhalten und straft jeden Ehrgeiz, der sein Haupt aus der Menge hebt. Nirgendwo lässt sich das besser beobachten als in den Massenmedien, die ihrer Natur nach mit opportunistischer Sensibilität auf die Volksstimmung achten müssen. Mit peinlicher Sorgfalt wird dort alles vermieden, das als elitäre Abweichung vom Mainstream interpretiert werden könnte. Denn der Mainstream ist nur der modische Tarnausdruck für das gesunde Volksempfinden, das schon in der Nazizeit als Richterinstanz über jede, vor allem aber intellektuelle Abweichung diente. Dieser kulturelle Egalitarismus hat, anders, als manche glauben, seine Wurzeln nicht im Sozialismus, der stets um die Hebung der Volksbildung bemüht war. Das Downgrading einer ganzen Hochkultur nach dem Maßstab des Unterschichtenressentiments ist vielmehr ein spezifisches Merkmal des Nationalsozialismus.

Gewiss gibt es Intoleranz, Sozialneid und verwahrloste Massenmedien auch in anderen Ländern. Aber dieser Hinweis täuscht nur darüber hinweg, dass Intoleranz in Italien nicht zu Rostocker Exzessen führt, Sozialneid in England nicht zur Abschaffung der Hochkultur aufruft und Massenmedien in Frankreich nicht dazu neigen, Intellektuelle als Nörgler vorzuführen. Übrigens hat auch die hierzulande beliebte Razzia auf die intellektuellen Pessimisten ihren Vorläufer im Nationalsozialismus und in Goebbels Kampagne gegen »das sogenannte Miesmachertum«.

Der historische Zusammenhang von Antiintellektualismus und Antisemitismus ist gut untersucht. Beide treffen sich im Hass auf alle natur- und volksferne Betätigung. Vielleicht würde es sich auch heute lohnen, um den sozialpsychologischen Ort des anhaltenden Antisemitismus zu finden, nach dem Sitz der antiintellektuellen Ressentiments fahnden. Vielleicht ließe sich so erklären, warum Antisemiten nicht nur in der Nähe von Hirschhornknöpfen, sondern auch in Vorstandsetagen auftreten, nämlich überall dort, wo sich hemdsärmelige Macher vor kritischer Dreinrede fürchten. Denn die Verehrung des Machens und Anpackens, der Darwinismus der Tat, der im Denken nur das Zögern, im Zweifeln nur die Feigheit erkennt, ist eines der dauerhaft nachwirkenden Motive aus dem Fundus nationalsozialistischer Propaganda. Das darwinistische Argument vom Recht des Stärkeren, und sei es in der Geschäftskonkurrenz des Marktes, ist überhaupt eines der zuverlässigsten Indizien auf Wiederbetätigung im Sinne des »Dritten Reiches«.

Mag jeder für sich prüfen, wie oft ihm solche Gedankenfiguren untergekommen sind, und dann entscheiden, ob den Deutschen zu trauen ist. Gewiss sind es größtenteils nur noch Spurenelemente der NS-Ideologie. Es gibt keinen Grund, die Deutschen ernsthaft zu fürchten. Aber sorglosen Gewissens unter ihnen leben kann man auch wieder nicht.

Jens Jessen, geboren 1955 in Berlin, leitet das Feuilleton der ZEIT. Sein Großvater Jens Peter Jessen wurde für seine Beteiligung an dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 in Plötzensee hingerichtet

 
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