Rosa Luxemburg steht mir politisch verhältnismäßig fern. Aber ich träume von Menschen, die noch heute die Kraft hätten, Sätze zu meißeln wie den, womit sie im Ersten Weltkrieg die Profite der Rüstungsindustrie attackierte: »Die Dividenden steigen – und die Proletarier fallen.« Da war jedes Wort mit mehr Kilowatt aufgeladen als heute ein ganzer Fernsehabend. »Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin!« Auch so eines. Einsam ragen solche Monumente großer Sprache aus einem anschwellenden Meer des Geschwätzes.

Die Sätze müssen nicht aus Marmor sein. Aus Spott können sie bestehen wie bei Heine: »Der Knecht singt gern ein Freiheitslied des Abends in der Schänke: Das fördert die Verdauungskraft und würzet die Getränke.« Vibrierende Stimmung können sie schaffen wie Clemens von Brentano mit den Zeilen: »Mond! Mond! Wie die Wellen kühlen, wie die Winde wühlen in den dunklen Mähnen der Nacht!«

Vielleicht gibt es noch Menschen, die solche Wörter zu Feuerkugeln ballen können. Doch ihre Chance, beachtet zu werden, sinkt Jahr um Jahr. Es geht bergab mit der Sprache, machen wir uns nichts vor: Die Fernsehschwätzer beherrschen die Szene, die Bücherleser sind eine bedrohte Gattung, die Grammatik ist unter jungen Leuten unpopulär, ihr Wortschatz schrumpft, und viele Siebzehnjährige betreiben das Sprechen so, als ob es ein Nebenprodukt des Gummikauens wäre. »Luftschnapp« oder »Megaknuddel«: So chatten sie, die plauderfreudigsten unter den Computer-Nutzern – und Schröders Agenda 2010 ist auch kein Beitrag zur Sprachkultur. Sollen wir die denn so verstehen, dass bis 2009 überhaupt nichts passiert – oder sollen wir sie lesen wie 08/15 oder 4711?

Und so träume ich: Sie könnten noch einmal wiederkehren, die Kraft und die Herrlichkeit der Sprache, der Respekt vor ihr, die Bewunderung für sie, der Höhenflug auf den Flügeln des Gesanges. Doch dem Boden verhaftet, wie ich es auch in Träumen bleibe, beginne ich mit einem kleinen Schritt: Ich lade die Fernsehintendanten ein, sie möchten anordnen, dass keuchenden Sportlern nie mehr ein Mikrofon entgegengestreckt werden darf. Das wäre mal ein Anfang und kein ganz kleiner, bei der Beschaffenheit der damit verhinderten Sprachprodukte – und bei der Millionenschar derer, denen sie dann vorenthalten würden.

Was geschieht auf den Sportstätten? Ein gedemütigter Torwart, der früher zwischen ein paar Umstehenden einfach »Scheiße« geschrien hätte, sieht sich jetzt genötigt, dieses allein sinnstiftende Wort zu einem Geschwafel aufzublasen, das er für Hochdeutsch und für fernsehkompatibel hält – ein Graus; und Millionen hören zu. Und da die meisten von denen keine Bücher lesen, ist das Torwart-Gestammel für sie ein Sprachmodell geworden.

Alle Sportler in ihrer Atemnot in Ruhe lassen, Herr Intendant! Haben die denn jemals etwas zu sagen? Entweder sie freuen sich, oder sie haben wenigstens ihr Bestes gegeben. Auch hat der liebe Gott seine Gaben nicht so ungerecht über die Menschen ausgeschüttet, dass eine Meisterin im Biathlon, die ohnehin schon zweierlei können muss, nämlich laufen und schießen, auch noch ein Drittes beherrschte: halbwegs schlüssig zu erzählen – wie umgekehrt solche Leute, die im Reden glänzen, sich nur selten im Hammerwerfen hervortun.

Schreiben können eher Menschen wie dieser, der, mit dicker Brille, lesend und für niemanden ansprechbar, durch die Straßen von Odessa schlenderte: Isaak Babel hieß er, und eine Köchin, die für Jesuiten kochte, lobte er so: »Ihre Biskuits dufteten wie Kruzifixe, betörender Saft war darin und der wohlriechende Zorn des Vatikans.« Doch wer liest noch solche Bücher – Bücher überhaupt? Das Fernsehen labert uns die Ohren voll, und in den Nachmittags-Talkshows darf auch die untere Hälfte des Volkskörpers ihre Seele entblößen.

So träume ich: von Kindern und Heranwachsenden, die sich mit Hilfe von Eltern und Lehrern noch andere Sprachvorbilder suchen als die Heißluftplauderer von der Mattscheibe, die Sportplatz-Keucher, die Diskjockeys, die Hooligans, die Soziologie-Professoren – ja, auch die: Denn ohne sie würde es ja keine Studenten geben, die von ihrem Selbsteinbringungs-Kauderwelsch auch dann nicht lassen können, wenn sie auf der Parkbank schmusen. Ohne Professoren gäbe es auch keine Sprachprodukte wie diese: