theater In hundert Rollen um die Welt
Der mexikanische Theaterregisseur Claudio Valdés Kuri erobert die internationalen Festivals. Jetzt gastiert er in Wien und Berlin. Eine Begegnung
Das eigenartigste Theater, das man in Mexico City besuchen kann, ist die Metro. Man sitzt im dritten Waggon des Zuges, der zur Universität fährt, und an jeder Haltestelle steigt ein Händler zu und ein anderer aus. Der Mann, der einen Ring von CDs mit den traurigsten Liebesliedern Mexikos zwischen Daumen und Zeigefinger hält, huscht hinüber zu Waggon 4, und aus Waggon 2 rückt ein blinder Balladensänger auf. Beim nächsten Halt schiebt sich der Blinde zum Ausgang, und plötzlich steht da ein piratengesichtiger Publizist und meldet, seine Zeitschrift entlarve den Papst, und zwar den verstorbenen, als Faschisten. Alle hören ruhig zu. Zwei Passagiere kaufen, und als Nächster kommt ein taubstummer Losverkäufer. Es folgen der Prediger, der Poet, der Fakir. Keiner kommt dem anderen in die Quere; die Neuen reihen sich im letzten Wagen ein; alle Darsteller warten, bis das Publikum für sie bereit ist.
Hört sie Göttliche Stimmen? Oder den Klang des Wahns? Maria Teresa Dal pero in "Donde estaré esta noche?"
So bewegt sich ein Strom von Gütern, Verheißungen, unglücklichem Leben und hastig aufgedecktem Geheimwissen durch den überfüllten Zug, eine Prozession, die darauf beruht, dass die Künstler einander respektieren und dass die Zuschauer duldsam sind.
Dann ist das Ziel erreicht, die Universidad Nacional Autónoma de México, das größte Universitätsgelände der Welt, eine von Vulkanfelsen übersäte Steppe. Ein Gerücht treibt mich hier hinaus. Hier probt Claudio Valdés Kuri sein neues Stück. Kuri hat erst vier Stücke inszeniert, aber er gehört schon zu den paar Lateinamerikanern, die von den internationalen Festivals eingeladen werden.
Es heißt, er habe etliche Angebote großer Theater und lehne alle ab. Es heißt, er suche für jede Produktion neue Wege und verbiete sich stilistische Wiederholung. Es heißt, er mache das Gegenteil von Regietheater.
Um 12 Uhr mittags, so war zu hören, finde in einem Theatersaal im Uni-Kulturzentrum ein Grobdurchlauf des neuen Stückes statt, an dem seit Monaten ohne festen Text geprobt werde und das irgendwann im Jahr 2006 herauskommen soll; es hat den Arbeitstitel Die Haut. Man schlüpft in einen dunklen Saal und sieht zwei Menschen, einen schlafenden nackten Mann und eine gleichfalls nackte Frau, und die Frau fingert aus ihren dichten Locken etwas, das dort verknotet war, ein paar Gummihandschuhe, und streift sie sich über. Dann betastet sie den Schläfer. Sie zieht dem Mann mit spitzen Gummifingern die Haut von Penis und Hoden, als habe sie ein wirbelloses Tier gefangen, über dessen Zubereitung sie nachdenke.
»Wir müssen reisen«, sagt Kuri, »wenn wir überleben wollen«
Am Ende geht man benommen zum Ausgang: fünf, sechs Spieler hatten die Grenzen und Membranen ihrer Körper untersucht und sich selbst als durch Rasse und Rolle definiertes Fleisch erfahren. Auch von den Beklemmungen war zu hören, die man in der Metro erlebt.
Irgendwo im Theater muss auch der Regisseur des dunklen Mittagsspiels sein. Claudio, sagt man mir, steht da hinten. Man schickt mich zu dem zierlichen Mann, der eben nackt auf der Bühne gelegen hatte, in Händen einer nackten Frau. Die nackte Frau ist, wie sich später herausstellt, Fabrina Mélon, Kuris engste Mitarbeiterin, die Managerin seiner Theatergruppe Teatro de Ciertos Habitantes. In diesem Ensemble macht jeder alles mit, Auslieferung und Entblößung eingeschlossen. Stars gibt es nicht.
- Datum 04.05.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.05.2005 Nr.19
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