kino Sumpfpflanzen an der KinoautobahnSeite 2/2

Diese ruhige, stilsichere Erzählweise verbindet Hochhäusler mit einer Hand voll ähnlich konsequent erzählender Regisseure seiner Generation. In den französischen Medien wurde diese lose Gruppe, zu der unter anderem auch Angela Schanelec, Maria Speth, Thomas Arslan, Ulrich Köhler, Christian Petzold, Sören Voigt und Henner Winkler gehören, bereits halb ernst, halb scherzhaft als »deutsche Nouvelle Vague« bezeichnet. Tatsächlich tritt man diesem Kino in Frankreich um einiges offener und neugieriger entgegen als in Deutschland. Als Angela Schanelecs wunderbar klar und licht fotografierter Film Marseille im vergangenen Jahr in Cannes zu sehen war, wurde er im französischen Feuilleton mit einer Flut begeisterter Rezensionen gefeiert. In der hiesigen Kinolandschaft hingegen ist die wichtigste deutsche Regisseurin immer noch eine Außerirdische.

Für den deutschen Beitrag in Cannes gab es praktisch kein Fördergeld

Nicht anders erging es Christoph Hochhäusler mit seinem Regiedebut Milchwald, einer mythisch überhöhten Hänsel-und-Gretel- Adaption von stiller Wucht. Zwar war der Film im Forum der Berlinale zu sehen, doch ein Verleih für die Kinoauswertung wollte sich nicht finden. Wieder preschten die Franzosen vor: Milchwald lief in Paris, erhielt hymnische Besprechungen – und kam dann erst in Deutschland ins Kino. Wie ist es zu erklären, dass ausgerechnet das ästhetisch avancierte und mutige deutsche Kino hierzulande so wenig Rückendeckung bekommt?

Natürlich ist eine Hand voll französischer Kritiken nicht die Offenbarung und – Cannes hin oder her – eine Einladung in die Reihe Un Certain Regard alles andere als der internationale Durchbruch. Und doch werden Regisseure, die sich an der heimischen Front von Politik, Förderern und Kritik allein gelassen fühlen, jeder kleinen Brücke nach Frankreich symbolische Bedeutung beimessen. Dabei gehe es, so Hochhäusler, nicht einmal um Anerkennung, sondern zunächst einmal um Wahrnehmung: »Man muss unsere Filme ja nicht mögen, aber man sollte in Deutschland wenigstens verfolgen, was wir tun. Wir brauchen die Neugier.«

Irgendetwas läuft in der deutschen Kinolandschaft gründlich schief, wenn ein derart begabter Regisseur wie Hochhäusler erst ein Meisterstück wie Milchwald abliefert, seinen Cannes-Beitrag Falscher Bekenner aber praktisch ohne Fördergelder drehen muss. Es kann nicht angehen, dass die Namen der wagemutigsten deutschen Regisseure jenseits einer professionellen Interessiertengemeinde kaum bekannt sind. Und dass Filme, die sich selbstbewusst auf ihre Bilder verlassen, wie lästige kleine Sumpfpflanzen am Rande der großen deutschen Kinoautobahn behandelt werden. Etwas chauvinistischer gesagt: Die »deutsche Nouvelle Vague« ist einfach zu gut, um sie nur den Franzosen zu überlassen.

 
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