Filmfestival Ich Cannes mich erinnern

Er ist Deutschlands wichtigster Regisseur. Seit 30 Jahren fährt er zu den Filmfestspielen an die Côte d’Azur, in diesem Jahr mit seinem neuen Film »Who’s That Knockin’«

Skandale, Nervenschlachten, Triumphe – und die Gefahr, blind zu werden

Wie oft ich in Cannes war, weiß ich nicht genau. Im Wettbewerb, außer Wettbewerb, im Certain Regard, als Präsident der Internationalen Jury oder der Jury für die Camera d’Or… Irgendwie sind in meiner Erinnerung all die Male zu einem einzigen großen Cannes verschmolzen, aus dem einzelne Begegnungen oder Ereignisse herausragen.

Die ersten Male gab es noch das alte ehrwürdige Palais und den Hauch vergangener Kino-Glorie. Für Im Lauf der Zeit sind wir 1976 mit unserem Lkw vorgefahren. (Haben wir das tatsächlich getan, oder wollten wir das nur, und man hat uns daran gehindert?) Ich erinnere mich vor allem daran, dass es in dem Film eine umstrittene Szene gab (Phillip Winter kackt in die Gegend), die man mich in letzter Sekunde von offizieller Seite bat herauszuschneiden. Das habe ich nicht akzeptiert, weshalb, so hieß es später, der Film nicht für einen Preis in Betracht gezogen worden sei. Dann hat er doch einen bekommen, nämlich den Fipresci-Preis der Internationalen Filmkritik, ex aequo mit Alexander Kluge. Gemeinsam haben wir uns in irgendeinem Festivalbüro die Urkunden abgeholt, Alexander in kurzen Hosen und Sandalen, und beim Auseinanderrollen der Dokumente (daran erinnere ich mich gut, auf den Stufen des Palais!) festgestellt, dass beide unsere Namen falsch geschrieben waren. Deutsche Filme waren ja auch lange nicht mehr gezeigt worden… Dafür gewann mein Lieblingsfilm die Palme, Taxi Driver. Und ich habe Ettore Scola, Carlos Saura, Roman Polanski und Eric Rohmer in persona gesehen, wenn auch aus der Ferne.

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Vom Jahr des Amerikanischen Freundes, 1977 – das Festival hatte seinen 30. Geburtstag, ich war gerade einmal zwei Jahre älter –, habe ich merkwürdigerweise kaum eine Erinnerung. War Dennis Hopper dabei? Bruno Ganz und Lisa Kreuzer, ja. Einen Preis hat der Film nicht gewonnen, dafür ist er in Cannes überall hin verkauft worden und hat dadurch zum ersten Mal für mich ein Publikum in der ganzen Welt gefunden. Ich weiß, dass ich Hal Ashby, Maguérite Duras, Istvan Szabo, Robert Altman und die Brüder Taviani kennen gelernt habe. Letztere gewannen mit ihrem wunderschönen Padre Padrone den Wettbewerb.

1980 lief Lightning Over Water, der Film, den Nicholas Ray und ich gemeinsam gedreht hatten, im offiziellen Programm, außer Wettbewerb. Ich konnte wegen der Dreharbeiten an Hammett nicht dabei sein. Der Film hatte eine schmerzhafte Entstehungsgeschichte, die sich auch durchaus durch die Schnittzeit gezogen hatte. Peter Przygodda, mein Cutter, hatte den Film mehr oder weniger ohne mich fertig gestellt. Bei der Abnahme der Kopie, kurz vor Cannes, hatte ich mich schon entschieden, diesen aus der Sicht eines Dritten erzählten Film selber noch einmal zu schneiden, diesmal in der ersten Person. Das war ich Nick schuldig. So lief diese erste und einzige Kopie von Peters Schnitt nur in Cannes.

Als dann 1982 Hammett im Wettbewerb lief, als amerikanischer Beitrag, hatte ich auch versucht, meine deutsche Produktion Stand der Dinge in einer der anderen Reihen zu zeigen. Aber den wollte niemand haben – zu meinem Glück, muss ich sagen, denn so habe ich ihn ein paar Monate später in Venedig gezeigt. Und das war auch gut so. Ich war mit Werner Herzog und Werner Schröter gleichzeitig im Wettbewerb, Hans-Jürgen Syberberg lief außer Konkurrenz – so waren vier deutsche Autoren im Festival vertreten!

Weil in dieser Zeit ein gewisser Pessimismus herrschte, was die Zukunft des Kinos anging, machte ich während des Festivals einen Dokumentarfilm. Ich lud alle anwesenden Regisseure in das Zimmer 666 des Hotels Martinez ein. Das war der einzig leer gebliebene Raum in ganz Cannes – es gibt wohl eine Menge abergläubischer Menschen im Filmgeschäft. Von ihm hatte der Film dann auch seinen Titel. Wir hatten dort eine 16-Millimeter-Kamera aufgebaut, eine Nagra und ein Mikrofon, und auf dem Tisch lag ein Blatt Papier mit einer Frage. Die teilnehmenden Regisseure lasen sich die Frage durch, und wenn sie dann antworten wollten, stellten sie selber Kamera und Tonband an und konnten dann so lange reden, wie sie wollten, zumindest solange die Kassette reichte. Wir nannten den Raum unsere »Folterkammer«. Unter vielen anderen nahmen auch Godard, Antonioni, Spielberg und Fassbinder daran teil. Und ich besuchte Yilmaz Güney, um seine Stellungnahme wenigstens als Tondokument in den Film einfließen lassen zu können: Er hielt sich vor dem türkischen Geheimdienst in den Bergen hinter Cannes verborgen. Sein Film Yol teilte sich dann mit Missing von Costa-Gavras die Palme.

Nur zwei Jahre später, 1984, war ich wieder in Cannes. Mit hängender Zunge sozusagen. Als im Fernsehen die Eröffnungszeremonie lief, begannen wir in Berlin mit der Hauptmischung für Paris, Texas. Mit der ersten Tonkopie flog ich nach Paris, wo die Untertitel eingebrannt wurden. Dann fuhr ich mit der Kopie im Nachtzug nach Cannes, um so am Morgen des Pressescreenings völlig übermüdet 20 Minuten vor Beginn der Vorführung anzukommen. Niemand hatte den Film zuvor gesehen außer den Leuten, die im Schneideraum und in der Mischung daran gearbeitet hatten. Ich war so aufgeregt, dass ich, während der Film lief, zwei Stunden im Petit Carlton flippern gegangen bin, um meine Nerven im Zaum zu halten. Pascale Dauman war die Erste, die mich nach der Vorführung dort fand und mir von den begeisterten Reaktionen berichtete. Geglaubt habe ich das alles erst, als wir dann in der abendlichen Gala den Film mit dem Publikum sahen. So einen enthusiastischen Beifall hatte ich noch nie erlebt.

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