Filmfestival Ich Cannes mich erinnernSeite 4/4

Erst am Ende des Festivals, am Morgen nach der Preisverleihung an Imamura und Kiarostami (Atom Egoyan gewinnt den Prix Special der Jury mit dem großartigen Sweet Hereafter, in dem ich zum ersten Mal Sarah Polley sehe), merke ich, dass sich die merkwürdige Erscheinung verschlimmert hat und ich das Gefühl habe, dass sich da langsam ein Vorhang vor meinem Auge senkt. Meine Frau bringt mich sofort zu einem Augenarzt. Der entdeckt beim Hineinschauen in das Auge eine Netzhautablösung. Eine Operation sei unumgänglich und sollte so schnell wie möglich stattfinden. Er gibt mir die Adresse einer Pariser Augenklinik. Eine halbe Stunde später hat Donata alles gepackt, und wir sind auf der Autobahn. Aber nicht nach Paris, sondern nach Marburg, wo der Professor für Augenheilkunde ein guter persönlicher Freund ist. Ich mache die Fahrt im Liegen mit, auf Anraten des Arztes. Wir kommen am Abend in Marburg an, wo sich Professor Kroll nach einer Untersuchung des Auges zu einer Operation unmittelbar am nächsten Morgen entschließt. Ich sehe nur noch ein halbes, das untere Bildfeld. Ein wenig später, und der Schaden wäre irreparabel gewesen. Aber so kann ich schon nach drei Tagen mit zwei guten Augen das Krankenhaus wieder verlassen.

Von 2002 war ich einer von sieben Regisseuren des Episodenfilms Ten Minutes Older, der im Certain Regard gezeigt wird. Ein Jahr später bin ich Präsident der Jury für die Camera d’Or. Eine ausgesprochen angenehme und entspannte Arbeit mit einer höchstfidelen Jury. Zum ersten Mal sehe ich auch Filme aus anderen Sektionen des Festivals, wie der Quinzaine oder der Woche der Kritik. Außerdem läuft mein Bluesfilm Soul of a Man im offiziellen Programm, aber natürlich außer Konkurrenz. Beim zweiten Screening läuft der Film unter freiem Himmel, auf einer großen Leinwand am Strand. Ich liege entspannt auf einem der Liegestühle, rauche eine Zigarre, starre in den Abendhimmel und lasse meine Cannes-Besuche vor meinem inneren Auge vorbeiziehen. Aber erst weitere zwei Jahre später komme ich jetzt dazu, sie aufzuschreiben, als »Ancien Combattant« des Festivals. Anders kann ich mich ja nun nicht mehr bezeichnen.

 
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